Teamanalyse zur Nations League: Das ist die Nationalmannschaft von Israel
Österreich startet am Donnerstag in Linz gegen Israel in die neue Nations-League-Saison. Für beide Mannschaften beginnt damit gewissermaßen ein neuer Abschnitt – für die Israelis gilt das sogar noch deutlicher als für Österreich. Seit dem 1:0-Testspielsieg gegen Albanien am 3. Juni bestritt das Team von Ran Ben Shimon kein Länderspiel mehr. Davor gab es im März ein 2:2 gegen Georgien. Mehr als dreieinhalb Monate ohne gemeinsames Pflichtspieltraining machen die Partie auch für Israel zu einem kleinen Neustart.
Gleichzeitig befindet sich die Mannschaft in einem Umbruch. Routiniers wie Eli Dasa gehören zwar weiterhin zum Kreis, um sie herum hat sich aber eine ausgesprochen junge Generation etabliert. Oscar Gloukh und Anan Khalaili sind 22 Jahre alt, Roy Revivo 23, Dor Turgeman und Idan Toklomati ebenfalls erst 22, Yarin Levi 21. Mit dem erst 18-jährigen Innenverteidiger Noam Steifman nominierte Ben Shimon für diesen Lehrgang einen weiteren vielversprechenden Perspektivspieler.
Ben Shimon legt sich nicht auf ein System fest
Taktisch ist Israel unter Ran Ben Shimon schwer auf eine einzige Grundordnung festzunageln. Zu Beginn seiner Amtszeit setzte der Teamchef unter anderem auf ein 3-4-2-1, in dem Gloukh und Manor Solomon hinter einer nominellen Solospitze spielten. Später gab es auch klare Fünferketten, etwa beim 2:2 gegen Georgien im März, als Israel mit drei Innenverteidigern sowie Dasa und Revivo auf den Außenbahnen begann. Beim jüngsten 1:0 gegen Albanien wurde hingegen wieder auf eine Viererkette gesetzt.
Auch gegen Österreich spricht derzeit vieles für eine Viererkette. Israelische Medien erwarten Guy Mizrahi rechts, Idan Nachmias und Nikita Stoinov im Zentrum sowie Roy Revivo links. Davor dürften zwei zentrale Mittelfeldspieler absichern, während Gloukh, Khalaili und Solomon hinter einer Spitze agieren. Damit wäre die Ausgangsordnung am ehesten als 4-2-3-1 zu bezeichnen, wobei sie je nach Spielphase schnell in ein 4-4-2 bzw. 4-4-1-1 übergehen kann.
Diese Flexibilität ist typisch für Trainer Ben Shimon. Israel will grundsätzlich durchaus Fußball spielen, versucht gegen stärkere Gegner aber nicht, um jeden Preis lange Ballbesitzphasen zu erzeugen. Gerade die Qualität der offensiven Individualisten kommt besser zur Geltung, wenn nach Ballgewinnen Räume vorhanden sind. Man sucht also nach Balance, hat das Umschaltverhalten aber dennoch als oberste Maxime, vor allem gegen individuell stärkere Gegner.
Daniel Peretz gibt Sicherheit – Revivo schiebt weit nach vorne
Im Tor ist Daniel Peretz die klare Nummer Eins. Der 26-Jährige spielt mittlerweile regelmäßig für Southampton in der englischen Championship und stand in den ersten sieben Ligapartien der Saison jeweils im Tor. Seine Fangquote lag dabei bei rund 70 Prozent. Für ein israelisches Team mit einer jungen und immer wieder neu zusammengestellten Abwehr ist seine Erfahrung auf doch höherem europäischen Niveau besonders wertvoll.
Auf der linken Abwehrseite ist Roy Revivo einer der interessantesten Spieler. Der 23-Jährige wechselte erst Anfang September von Maccabi Tel-Aviv zum spanischen Erstligisten Elche CF. Seine letzte Saison in Israel war offensiv außergewöhnlich: In 50 bewerbsübergreifenden Pflichtspielen kam der Außenverteidiger auf sieben Tore und 17 Assists. Revivo interpretiert seine Position dementsprechend offensiv, schiebt hoch, hinterläuft den linken Flügelspieler und bringt viel Dynamik in die gegnerische Hälfte.
Genau das eröffnet allerdings auch Räume hinter ihm. Wenn Solomon gleichzeitig weit nach innen zieht, muss die Restverteidigung auf der linken Seite sehr sauber funktionieren. Österreich könnte dort nach Ballgewinnen hochinteressante Umschaltsituationen vorfinden.
Eliel Peretz und Abu Fani als wichtige Balancegeber
Eine zentrale Rolle spielt auch der aus seiner WAC-Zeit bestens bekannte Eliel Peretz. Der 29-Jährige hat sich bei Hapoel Be’er Sheva wieder in den Vordergrund gespielt und zuletzt auch im Nationalteam einen deutlich höheren Stellenwert aufgebaut. Gegen Georgien begann er ebenso wie beim Sieg gegen Albanien. In Linz wird er gemeinsam mit seinem Namensvetter Dor Peretz im zentralen Mittelfeld erwartet.
Eliel Peretz ist kein klassischer, ausschließlich absichernder Sechser. Seine Stärken liegen vielmehr in der Intensität, im Attackieren zweiter Bälle und darin, größere Räume im Zentrum zu bearbeiten. Gleichzeitig kann er selbst in den Strafraum nachstoßen, wobei ihm auch sein Gardemaß von 189cm entgegenkommt und er so als ausgesprochen torgefährlicher Sechser gilt.
Eine defensivere bzw. spielerisch kontrolliertere Alternative ist Mohammed Abu Fani. Der Mittelfeldspieler von Roter Stern Belgrad besitzt eine gute Orientierung unter Druck und kann das Spiel aus tieferen Positionen sauber weiterleiten. Er war in den vergangenen Jahren regelmäßig eine wichtige Figur im israelischen Zentrum und ist dort sozusagen der „Nadelspieler“. Für Österreich dürfte daher auch entscheidend sein, ob Ben Shimon von Beginn an mit der laufstärkeren Kombination Eliel und Dor Peretz spielt oder im Laufe der Partie mit Abu Fani zusätzliche Kontrolle sucht.
Omri Gandelman wäre mit seiner Physis und seinen Läufen aus dem Mittelfeld eine weitere interessante Option, laboriert allerdings an einer Knieverletzung. Obwohl er ursprünglich einberufen wurde, ist ein Einsatz gegen Österreich zumindest höchst fraglich.
Gloukh und Khalaili die entscheidenden Unterschiedsspieler
Der gefährlichste Fußballer der Mannschaft ist momentan wohl Oscar Gloukh. Der ehemalige Salzburg-Legionär startete stark in die Saison bei Ajax Amsterdam und hält in der Eredivisie bei einem Tor und vier Assists. Zuletzt bereitete er in drei Ligapartien hintereinander Treffer vor. Auch das letzte israelische Länderspiel entschied er: Beim 1:0 gegen Albanien erzielte er in der 73. Minute das einzige Tor.
Gloukh wird sich gegen Österreich nominell als Zehner orientieren, tatsächlich aber permanent seine Position verändern und wie auch schon in der österreichischen Bundesliga ausgesprochen dribbelintensiv auftreten. Er lässt sich in die Etappe fallen, sucht Zwischenräume neben dem gegnerischen Sechser und kann aus diesen Positionen entweder selbst andribbeln oder sofort den direkten Pass spielen. In der Vergangenheit setzte Ben Shimon ihn zeitweise sogar als falsche Neun ein. Österreich muss deshalb vor allem verhindern, dass Gloukh mit Blickrichtung zum Tor zwischen den Linien angespielt wird.
Mindestens ebenso wichtig ist Anan Khalaili. Der 22-Jährige wechselte im Sommer von der Union Saint-Gilloise zu Crystal Palace und hat sich dort sofort Spielzeit erarbeitet. In den ersten fünf Premier-League-Partien kam er auf 380 Minuten und ein Tor. Interessant ist seine Rolle: Bei Palace agiert er derzeit vorwiegend als rechter Wingback, im Nationalteam wird seine Dynamik wesentlich offensiver genutzt.
Khalaili – einst auch als möglicher Neuzugang bei Red Bull Salzburg im Gespräch – bringt Tempo, Tiefgang und enorme Athletik mit. Er kann den rechten Flügel klassisch besetzen, aber auch diagonal in die Spitze starten. Gleichzeitig arbeitet er wesentlich stärker nach hinten als viele klassische Flügelstürmer. Gerade gegen Österreichs aggressives und intensives Spiel könnte er deshalb eine Schlüsselfigur sein: Einerseits als zusätzliche Unterstützung für den rechten Außenverteidiger, andererseits als sofortige Umschaltoption nach Ballgewinnen.
Solomon sorgt links für Dribblings – Abada wohl zunächst Joker
Auf der anderen Seite steht Manor Solomon. Der 27-Jährige hat sich nach mehreren wechselhaften Jahren bei West Ham wieder stabilisiert und hält in dieser Championship-Saison bereits bei zwei Toren und zwei Assists. Zuletzt bereitete er beim 2:2 gegen Millwall nach einem Wechsel auf die Zehnerposition den Ausgleich vor.
Solomon sucht wesentlich häufiger das Eins-gegen-Eins als Gloukh und zieht gerne vom linken Flügel nach innen. Dadurch entstehen interessante Kombinationen mit dem aufrückenden Revivo, sowie Gloukh im Halbraum. Israel hat somit drei Spieler hinter der Spitze, die alle unterschiedliche Dynamiken erzeugen können: Khalaili über Tempo und Tiefgang, Solomon über Dribblings und Gloukh über seine Kreativität zwischen den Linien und Abschlüsse aus der Distanz.
Lior Abada wäre grundsätzlich ebenfalls ein Kandidat für die Startelf. Seine Chancen sind diesmal aber deutlich geringer. Der Charlotte-Legionär gehört zu fünf MLS-Spielern, die erst am Mittwoch in Linz zur Mannschaft stießen. Neben Abada betrifft das Tai Baribo, Dor Turgeman, Idan Toklomati und Ilay Feingold. Sie sollen zunächst individuell bzw. reduziert trainieren, ehe Ben Shimon anhand ihrer Erholung vom Jetlag entscheidet, wie viele Minuten im ersten von vier Länderspielen möglich sind.
Saied Abu Farhi reiste als einziger MLS-Spieler früher an und wird deshalb derzeit sogar als Startelfkandidat im Sturm gehandelt. Für Baribo, Turgeman und Abada ist hingegen eine Jokerrolle wesentlich realistischer. Gerade Abadas Geschwindigkeit könnte in der Schlussphase dennoch unangenehm werden.
Standards als Problemzone
Ein bemerkenswerter Schwerpunkt der israelischen Vorbereitung betrifft die Standardsituationen. Ben Shimon setzte kurzfristig sogar eine zusätzliche Einheit an, in der ausschließlich Freistöße, Eckbälle und die Verteidigung von Hereingaben trainiert wurden. Israelische Medien bezeichnen diese Situationen ausdrücklich als wiederkehrendes Problem der Nationalmannschaft gegen größere europäische Gegner.
Und dies dürfte für Österreich ein wichtiger Angriffspunkt sein. Israels Abwehrzentrum ist aktuell weder besonders eingespielt noch personell in Bestbesetzung. Gleichzeitig fehlen mit Gandelman und anderen körperlich starken Spielern Optionen, die bei hohen Bällen zusätzliche Stabilität bringen würden.
Auf der anderen Seite besitzt Israel genug individuelle Qualität, um Österreich insbesondere nach eigenen Ballverlusten weh zu tun. Gloukh, Khalaili und Solomon benötigen keine langen Ballbesitzphasen, um gefährlich zu werden. Genau darin liegt wohl die größte Gefahr: Österreich sollte Israel nicht durch unkontrollierte Ballverluste jene offenen Räume schenken, in denen die jungen Offensivspieler ihre Stärken ausspielen können.
Die mögliche Aufstellung gegen Österreich
Nach den jüngsten Informationen aus Israel ist folgende Formation am wahrscheinlichsten:
Daniel Peretz – Guy Mizrahi, Idan Nachmias, Nikita Stoinov, Roy Revivo – Eliel Peretz, Dor Peretz – Anan Khalaili, Oscar Gloukh, Manor Solomon – Saied Abu Farhi.
Mohammed Abu Fani wäre eine naheliegende Alternative im zentralen Mittelfeld, während Baribo, Abada, Turgeman und Toklomati aufgrund ihrer späten Anreise eher als Optionen für die zweite Halbzeit gelten.
Israel verfügt damit trotz des Umbruchs über deutlich mehr individuelle Qualität, als es der Name mancher Spieler zunächst vermuten lässt. Gerade Gloukh und Khalaili haben bereits den Sprung auf ein hohes internationales Klubniveau geschafft. Gleichzeitig bleiben nach mehr als drei Monaten ohne Länderspiel, einer jungen Abwehr und mehreren spät angereisten MLS-Legionären genügend Fragezeichen. Für Österreich wird es vor allem darum gehen, Israels Kreativspieler vom eigenen Strafraum fernzuhalten und die noch nicht vollständig gefestigten Abläufe des Gegners – unter anderem bei Standardsituationen – konsequent unter Druck zu setzen.
