Mental-Coaching

„Wenn der Wind entgegenbläst wird der Kopf elementar“ – Interview mit Dr. Arno Schimpf

Zehn Mal Europameister, zwei Mal Weltmeister und amtierender Olympiasieger – die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ist ohne Zweifel eine der erfolgreichsten der Welt. Auch eine entsprechend professionelle Arbeit im mentalen Bereich hat ihren Teil zum Erfolg beigetragen. Mentalcoach Wolfgang Seidl spricht im Interview mit Dr. Arno Schimpf, dem langjährigen Sportpsychologen des deutschen Teams.

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Wolfgang Seidl: Sie arbeiten ja seit vielen Jahren erfolgreich als Sportpsychologe und Mentalcoach. Wie hat sich die Akzeptanz, im Laufe dieser Zeit, im Sport und ganz speziell im Fußball, verändert?

Dr. Arno Schimpf: Das Sportpsychologen einen Beitrag zur Leistungsoptimierung (vor allem beim Leistungstransfer, wenn es drauf ankommt) leisten können, ist heute bei Trainern, auch im Fußball, weitestgehend anerkannt. Das Sportpsychologen fester Bestandteil eines Teams sind, ist aber immer noch die Ausnahme. In Deutschland bei den Olympischen Sportarten ist das leider auch ein Finanzproblem.

 

Ich habe den Eindruck, dass Vereinsverantwortliche im Fußball die mentale Arbeit oft nur mit „Spieler motivieren können“ gleichsetzen. Haben Sie diesen Eindruck auch? 

Das sehe ich ähnlich. Da diese Rolle aber als Kernkompetenz den Trainern zugeschrieben wird (vor allem von den Medien) und die Trainer sich auch gerne in dieser Rolle sehen bzw. für sich in Anspruch nehmen, entsteht natürlich zwangsläufig ein „Interessenskonflikt“.

 

Im österreichischen Fußball haben, mit Ausnahme von RB Salzburg, nur wenige Vereine einen Mentalcoach in ihrem Betreuer Team. Warum glauben sie, ist das im Jahre 2020 noch immer so und wie sieht es hier im deutschen Fußball aus?

In Deutschland ähnlich, zumindest bei den A-Mannschaften. Für mich ein Hauptgrund die „Eitelkeiten“ vieler Trainer. „Teilen können“ ist oft schwierig, es hängt vom Selbstvertrauen, von der Selbstbewusstheit des Trainers ab. Top-Trainer können das aber.

Im Nachwuchsbereich ist der Sportpsychologe aber mittlerweile in vielen Liga-Vereinen eine feste Größe. Das Aufgabenspektrum ist dabei sehr breit: Persönlichkeits-Entwicklung, schulische Leistungen, etc. – weniger das spezifische Thema „Leistungsoptimierung“.

 

Sie bekommen sicherlich oft Anfragen von Vereinen die sich in einer Krise befinden und ihre Mannschaft dann schnell mal mental stärken wollen. Jetzt wissen wir ja, das mentale Arbeit ein Prozess ist und nicht von heute auf morgen funktioniert. Nehmen sie solche „schnellen“ Angebote an oder empfehlen sie Vereinen ein längerfristiges Konzept?

Im Vordergrund sollte immer ein langfristiges Konzept stehen, mit Einbindung psychologischer Trainingsmaßnahmen in den Trainingsalltag. Aber natürlich übernehme ich, auch wenn notwendig, erstmal die „Feuerwehrfunktion“, das ist immer reizvoll. Und manchmal funktioniert es ja auch. Manchmal sind es eben nur Nuancen zur richtigen Weichenstellung. Da hat man dann auch Glück. Es ist auf jeden Fall ein „Einstieg“, um zu zeigen, was man kann und für was man steht. Danach sind Vereine dann eher zu einer längerfristigen Einbindung bereit. Man kauft eben nicht gerne „die Katze im Sack“.

 

Ich vernehme immer wieder die Aussage von Clubs, „man kann Spieler ja nicht zwingen zum Mentalcoach zu gehen“. Was würden sie diesen Vereinen entgegnen?

Muss man ja auch nicht. Wenn Du gute Argumente hast und du als Typ zum Spieler oder zum Team passt, dann muss man niemanden zwingen. Jeder will seine Leistung optimieren. Und wenn Spieler spüren, dass sie das mit dir schaffen, dann hast du gewonnen.

 

Stimmt es, als sie damals beim Deutschen Frauen Nationalteam Sportpsychologe waren, dass Sie fast nur mit den Spielerinnen einzeln arbeiteten? Können sie bitte erklären warum das so wichtig für Sie war?

Richtig. Der Teamerfolg beginnt immer bei jedem einzelnen im Team. Also schaue ich mir den Einzelnen genauer an. Wo er aktuell steht, welche Bereitschaften er mitbringt, welche mentalen Modelle (mindsets) sein Tun bestimmen, etc. Wenn der Einzelne mit sich klar ist, seine Rolle kennt, dann ist Teamstärke eine zwangsläufige Folge. Sie entwickelt sich im Laufe der Zeit. Direkte Maßnahmen zum Team-Flow sind dann das Highlight unmittelbar vor wichtigen Turnieren oder Wettkämpfen.

 

Aus meiner Erfahrung im österreichischen Fußball kann ich sagen, dass in Nachwuchszentren und Akademien junge SpielerInnen „mental“ nicht qualitativ gut genug ausgebildet werden. Ihnen fehlen oft die Basis Fertigkeiten, wie z.B. richtig mit Druck oder Fehlern am Platz umgehen zu können.  Und diese fehlenden Fertigkeiten ziehen sich dann bis zu den Profis hoch.

Wie ist ihre Erfahrung mit der Ausbildung von jungen Spielern in Deutschland?

Ähnlich. Hängt, wie oben bereits erwähnt, mit dem Aufgabenspektrum des Psychologen im Nachwuchsbereich zusammen. Wir müssen, so glaube ich, den Nachwuchs wieder früher auf die leistungsbestimmenden Faktoren einer „Hochleistungskultur“ einschwören. Und der Umgang mit „Druck“ (Begriff gefällt mir persönlich nicht so gut, Druck und „erdrücken“ liegt so nah beieinander) oder besser mit den „Herausforderungssituationen“ ist eine Kernkompetenz für erfolgreiches Tun. Die muss der Sportler lieben. Das ist das „Salz in der Suppe“, das ist der wahre Antrieb, warum Sportler so hart trainieren und eine bestimmte Lebensspanne ausschließlich nur für diese Sache leben.

Wir haben aber zurzeit aber generell ein Problem in Deutschland mit der Leistungskultur. Ich glaube, es sind viele einfach zu satt. Erinnert mich an einen Satz eines kenianischen Lauf-Trainers: satte Löwen jagen nicht. Das betrifft bei uns vor allem den Nachwuchs bei den Olympischen Sportarten.

 

Wie groß glauben Sie, ist der Anteil, den die mentale Verfassung im Fußball auf die sportliche Leistung hat?

Kommt immer darauf an. Wenn alles läuft, wenn du erfolgreich bist, musst du dich wenig direkt um deinen Kopf, deine Gedanken kümmern. Die sind automatisch positiv. Da stören zu viele Gedanken nur. Wenn einem aber einmal der Wind entgegen bläst, wenn es nicht so rund läuft, wenn die (Selbst)zweifel kommen – dann wird der Kopf elementar und entscheidet oft über Sieg oder Niederlage; über aufgeben oder weitermachen.

 

Welchen Tipp würden sie jungen Fußballern, die sich das Ziel gesetzt haben Fußballprofi zu werden, geben?

Wenn das Talent, die Lust, die Leidenschaft und die Disziplin groß genug ist – unbedingt probieren. Perfekt dabei, wenn man das entsprechende Umfeld an Förderern hat und vor allem Menschen, die an einem Glauben. Sonst machst du dir später vielleicht den Vorwurf, etwas im Leben versäumt zu haben. Gilt für jede Sportart.

Vielen DANK für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

MANA4YOU
Wolfgang Seidl, MBA
Akademischer Mentalcoach
Dipl. Lebens- und Sozialberater
HeartMath Coach®
Mentalcoach von IRONMAN Austria und von erfolgreichen SportlerInnen

mind@mana4you.at
www.mana4you.at

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Matthias Riemer

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Matthias Riemer
(Redaktionsleitung/Frauenfußball)

Bei 12terMann seit: 12/2013

M: matthias.riemer@12termann.at

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