Politologe Filzmaier kritisiert Intervention im Fall Balogun scharf
Der Fall Folarin Balogun sorgt nach dem WM-Achtelfinale zwischen den USA und Belgien weiter für heftige Diskussionen. Der US-Stürmer hätte nach seiner roten Karte gegen Bosnien-Herzegowina eigentlich gesperrt fehlen müssen, durfte nach einer Entscheidung der FIFA aber doch gegen Belgien auflaufen. Besonders brisant: US-Präsident Donald Trump hatte laut eigener Aussage zuvor bei FIFA-Präsident Gianni Infantino angerufen.
Im Podcast „Thema des Tages“ von „Der Standard“ sprach der Politikwissenschaftler und Fußballexperte Peter Filzmaier ausführlich über den Fall – und fand dabei deutliche Worte. Schon zu Beginn machte Filzmaier klar, dass Fußball nie unpolitisch sei. „Die Antwort, ob Fußball politisch ist, ist auf jeden Fall ja“, sagte er. Positiv könne man dabei zunächst auf Ziele wie Völkerverständigung, Antidiskriminierung und den Kampf gegen Rassismus verweisen, die auch in den FIFA-Statuten verankert seien.
Doch im konkreten Fall gehe es für Filzmaier um eine ganz andere Dimension: Politische Einflussnahme auf sportliche Entscheidungen. Der Politologe sprach von einem „vollkommenen Tabubruch“.
„Das ist der vollkommene Tabubruch“
Die FIFA berief sich im Fall Balogun auf Artikel 27 ihres Disziplinarreglements, wonach eine Disziplinarstrafe unter bestimmten Umständen ausgesetzt werden könne. Filzmaier, ein ausgewiesener Fußballfan, hält diese Argumentation für höchst problematisch, weil die automatische Sperre nach einer roten Karte ebenfalls festgeschrieben sei. Entscheidend sei aber ohnehin ein anderer Punkt.
„Der Punkt ist, dass ein Staats- und Regierungschef und noch dazu der angeblich mächtigste der Welt einfach mal so den FIFA-Präsidenten anruft und sagt: Diese sportliche Entscheidung passt mir nicht, denkt noch mal drüber nach und ändert es möglichst. Das ist der vollkommene Tabubruch“, sagte Filzmaier.
Um die Absurdität zu verdeutlichen, zog er einen österreichischen Vergleich: Man müsse sich nur vorstellen, Alexander Van der Bellen oder Christian Stocker würden bei der FIFA anrufen und verlangen, dass drei spanische Tore aberkannt werden, damit Österreich doch noch eine Runde weiterkommt.
Besonders kritisch sieht Filzmaier auch, dass die FIFA von „außergewöhnlichen Umständen“ spreche, diese aber nicht konkret benenne. „Rote Karten, über die nachher gestritten wurde, die gibt’s ja wahrlich zuhauf im Fußball“, sagte er.
„Es hat extremes G’schmäckle“
Auf die Frage, wie problematisch der Vorgang sei, antwortete Filzmaier noch deutlicher: „Es hat extremes ‚Geschmäckle‘, es ist eine glatte Intervention.“ Dass Trump die Entscheidung formal nicht selbst treffen könne, ändere daran nichts.
Infantino müsse öffentlich natürlich erklären, dass er sich keinem Druck gebeugt habe. Andernfalls hätte er laut Filzmaier selbst ein massives Problem mit den FIFA-Statuten. Denn dort sei die Einmischung Dritter ausdrücklich verboten. „Wenn man das doch tut, müsste eigentlich die FIFA sich selbst abschaffen“, sagte Filzmaier. Das sei in den Statuten aber nicht vorgesehen.
Auch die Reaktion des US-Trainers, der sich über die Rücknahme der Sperre freute und auf eine aus seiner Sicht unfaire rote Karte verwies, ließ Filzmaier nicht gelten. Trainer dürften Schiedsrichterentscheidungen kritisieren, sagte er sinngemäß. Der eigentliche Skandal sei aber nicht die Bewertung der Szene, sondern die Intervention von höchster politischer Ebene.
Seine schärfste Spitze richtete sich direkt gegen Trump: „Wer im eigenen Land das Recht und die Verfassung systematisch missachtet, der schert sich auch nicht um Fußballregeln.“
„Die Büchse der Pandora ist geöffnet“
Filzmaier sieht im Balogun-Fall einen gefährlichen Präzedenzfall. Zwar habe Belgien die USA sportlich klar mit 4:1 ausgeschaltet, der Schaden bleibe aber bestehen. „Es ist die Büchse der Pandora geöffnet und die FIFA kommt aus dieser Kiste auch gar nicht mehr heraus“, sagte er.
Denn künftig stelle sich bei jeder roten Karte mit anschließender Sperre die Frage, ob diese ebenfalls aufgehoben werden könne. Genau darin liege die Gefahr: Die FIFA müsse erklären, wann eine Ausnahme möglich sei und wann nicht. Für Filzmaier ist klar, dass dieser Fall nicht einfach mit dem Ausscheiden der USA erledigt ist. „Die Debatte wird weiterlaufen und dieser Fall ist passiert.“
Auch Vergleiche mit Cristiano Ronaldo hält Filzmaier für irreführend. Zwar habe Ronaldo einst von einer Reduktion einer Sperre profitiert, doch damals habe es keinen Hinweis auf eine staatliche Intervention gegeben. Der einzige halbwegs passende Vergleich führe laut Filzmaier mehr als 60 Jahre zurück: 1962 durfte Brasiliens Garrincha trotz Ausschluss im Halbfinale im WM-Finale spielen, nachdem auch die brasilianische Regierung interveniert hatte. „Diese unseligen Zeiten – haben wir geglaubt – dass wir sie überwunden haben im Fußball. Nein, hat man bei der FIFA offensichtlich nicht“, sagte Filzmaier.
Kritik an Infantino und der FIFA
Besonders hart fiel Filzmaiers Urteil über FIFA-Präsident Gianni Infantino aus. Die FIFA sei „schwerst beschädigt“ und habe ein „extremes Negativimage“. Trotzdem könne Infantino auf eine breite Unterstützung in vielen Mitgliedsverbänden zählen, vor allem aus autoritär regierten Staaten.
Filzmaier kritisierte Infantinos Nähe zu Trump, aber auch zu anderen Machthabern. Das Verhältnis des FIFA-Präsidenten zu nicht demokratisch denkenden Regimen habe eine besondere Dimension bekommen. Er erinnerte daran, dass Infantino nach Katar gezogen sei und Russland einmal sinngemäß wie ein „Bonbongeschäft“ beschrieben habe. Filzmaiers Urteil: „Das disqualifiziert sich alles von selbst.“
Der Grund, warum die FIFA dennoch weiterfunktioniere, sei Geld. Der Weltverband sei eine „riesige Geldverteilungsmaschinerie“. Solange die Mitgliedsverbände finanziell profitieren, sei echter Widerstand unwahrscheinlich. Auch europäische Verbände hätten sportlich zwar enorme Macht, weil eine WM ohne europäische Nationen massiv an Wert verlieren würde. Politisch nutzten sie diese Macht aber kaum.
Fußball schauen als „Gratwanderung“
Am Ende sprach Filzmaier auch über die Frage, wie man als Fan noch mit solchen Turnieren umgehen könne. Er selbst habe Karten für Österreich gegen Algerien in Kansas City bekommen können, sich aber bewusst dagegen entschieden. „Wenn man als kritischer Mensch nicht erwünscht ist und das gilt sowohl für die Trump-Regierung als auch für die FIFA, möchte ich dort nicht sein“, sagte er.
Einen privaten Boykott von Spielen vor dem Fernseher sieht Filzmaier dennoch zwiespältig. Dadurch lasse er sich die Freude nehmen, ohne Trump oder Infantino wirklich zu beeindrucken. Gleichzeitig versteht er aber auch Boykottargumente, weil Sport immer wieder als politische Bühne missbraucht werde.
Sein Fazit bleibt entsprechend düster: Aus europäischer Perspektive sei dieses Fußballfest massiv beschädigt. Der Fußball auf dem Platz könne weiter begeistern, doch das Drumherum sei längst nicht mehr ausblendbar. Genau deshalb müsse man laut Filzmaier die Bühne auch nutzen, um kritisch über FIFA, Machtpolitik und Einflussnahme zu sprechen.
Hier die Podcast-Folge in voller Länge:
