Analyse zum WM-Aus: Spanien zeigt Österreich die Grenzen auf
Im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft wurde der österreichischen Nationalmannschaft von Spanien praktisch jede denkbare Grenze aufgezeigt. Nach dem verdienten 0:3 fährt die Rangnick-Elf nach Hause. Wir analysieren das Lehrspiel im Detail.
Beide Trainer schickten ihre Mannschaften in 4-2-3-1-Grundordnungen auf den Platz und Österreich versuchte den Europameister speziell im Mittelfeld zu spiegeln und richtete sich an den Flügeln immer wieder stark mannorientiert aus. Erwartungsgemäß spielte Konrad Laimer auf der linken Abwehrseite um Spanien-Star Lamine Yamal fordern zu können und Stefan Posch bekam es auf der anderen Seite mit Alex Baena zu tun.
Das perfekte zentrale Mittelfeld Spaniens
Der qualitativ größte Unterschied war jedoch im Zentrum zu bemerken. Das Dreiergespann bestehend aus Pedri, Rodri und Dani Olmo präsentierte sich nicht nur außerordentlich ball- und passsicher sondern brachte auch im Gegenpressing eine starke Partie auf den Rasen was auch mit dem Mangel an Optionen an wirklich formstarken Zentrumsakteuren bei den Österreichern zu tun hatte.
Wie schon gegen Argentinien begannen Schlager, Seiwald und Wanner wobei Letzterer im Vergleich zum Spiel gegen den Weltmeister eine solide Leistung ablieferte, aber die Doppelsechs, die vor allem aufgrund ihrer Vereinszugehörigkeit – beide spielen zusammen in Leipzig – nicht auseinandergerissen wird, zeigte einmal mehr große Probleme in der Spielprogression.
Halbzeit-Anpassungen lösen Progressionsproblem nicht
Demnach kam es nicht von ungefähr, dass Rangnick schon zur Halbzeit doppelt tauschte und eben Seiwald und Schlager hinunternahm und durch Florian Grillitsch und Carney Chukwuemeka ersetzte. Dass der deutsche Trainer über das gesamte Turnier an Seiwald und Schlager festhielt, obwohl die beiden dauerhaft praktisch keine nennenswerte Offensivdynamik in ihr Spiel brachten ist eines der Dinge, die man Rangnick sicher ankreiden kann.
Das Problem ist allerdings, dass auch die Alternativen sich nicht wirklich empfehlen konnten. Grillitsch war etwa für das äußerst fokussierte und genaue Spiel der Spanier deutlich zu lethargisch und Chukwuemeka fand auch deswegen keine Bindung zum Spiel, weil er im Laufe der zweiten Halbzeit auf zwei verschiedenen Positionen spielen musste.
Führungstreffer leitet dauerhafte spanische Überlegenheit ein
Während die Österreicher Spanien im ersten Viertel des Spiels, also bis zur ersten Trink- bzw. Werbepause noch relativ gut in Schach halten konnte und auch immer wieder Nadelstiche mit Pässen ins letzte Drittel setzte, gewannen die Spanier vor allem mit ihrem Führungstreffer nach und nach an Sicherheit, bauten zwei Drittel Ballbesitz auf und eroberten verlorengegangene Bälle aufgrund des starken Mittelfeldzentrums, das sich auch in der Tiefe hervorragend bewegte, sehr schnell zurück.
Spanien zieht Österreich in die Breite
Dadurch, dass die Spanier das Spiel sehr breit machten und die Österreicher so clever auseinanderzogen, tat sich die ÖFB-Elf auf diesem Level auch sehr schwer, nach Balleroberungen wieder schnell in eine Kompaktheit und somit Dreieckssituationen, um ins Spielen zu kommen, zurückzufinden.

Spanien setzte auf Breite und Fluidität statt Kompaktheit, was die Österreicher viele leere Meter abspulen ließ… [ Screenshot von WyScout S.p.a. ]
Rot-Weiß-Rote Torschusspanik
Wenn man es doch schaffte, das Spiel ein wenig nach vorne zu tragen, was praktisch ausschließlich über die linke Seite und Marcel Sabitzer gelang, war die Entscheidungsfindung der Österreicher in der Zone der Wahrheit viel zu inkonsequent. Häufig hatte man aufgrund der Hektik, die man am gegnerischen Sechzehner an den Tag legte, den Eindruck, dass man fast so etwas wie Torschusspanik gegen den hohen Favoriten hatte. Man verzettelte sich häufig und zeigte im letzten Drittel auch eine nahezu ehrfürchtige Körpersprache, wegen der man den Spaniern, die ihren Matchplan simpel herunterspielten, nie gefährlich werden konnte.
Nullwert bei den Post-Shot Expected Goals
Die Expected Goals wiesen am Ende laut WyScout einen Wert von 3.10 : 0.39 xG zugunsten der Spanier aus und die PSxG, die definieren, wie gut die Abschlüsse schlussendlich vorgetragen wurden, zeigten nach der Partie einen Wert von 2.19 : 0.00 an. Österreich wurde also praktisch nie ernsthaft gefährlich und so blieb ein Kopfball von Sasa Kalajdzic nach einer Stunde das einzige Aufflackern der Rot-Weiß-Roten.
In der Schlussphase hatte man ein kleines Deja-vu zur Algerien-Partie, weil Spanien den Ball bombensicher zirkulieren ließ und Österreich quasi in keinen Zweikampf mehr kam. Der PPDA-Wert der Österreicher kletterte in dieser spezifischen Phase auf nahezu 30. Der Unterschied war der, dass Österreich, im Gegensatz zur Schlussphase gegen Algerien, den Ball eigentlich haben wollte – aber Spanien ließ das Nationalteam einfach nicht mehr zurück ins Spiel kommen.
Eine Euphorie, die keine war
Realistischerweise konnte man sich allerdings auch nicht wesentlich mehr vom Sechzehntelfinale gegen Spanien erwarten, zumal die Art und Weise, wie das 3:3 gegen Algerien zustande kam, deutlich weniger Euphorie und Selbstvertrauen aufbaute, wie es unter anderen Spielverhältnissen der Fall gewesen wäre. Österreich kämpfte sich mit Ach und Krach und einer beherzten Einzelaktion gegen schlecht verteidigende Algerier in die KO-Phase, aber die Probleme im Team waren bereits in allen drei Gruppenspielen erkennbar.
Vom Red-Bull-Fußball früherer Jahre war bei dieser WM nicht viel zu sehen, einige Positionskomplexe wirkten überaltert und Rangnick blieb in seiner hierarchischen Herangehensweise stecken, anstatt den einen oder anderen formstärkeren Spieler zu bringen und dafür Alteingesessene zu opfern. Auch wenn die Tiefe des Kaders natürlich nicht ideal war, wurde sie schlussendlich ganz und gar nicht ausgenutzt.
Baumgartners Ausfall als wesentlicher Faktor in allen Spielen
Wie bereits häufig thematisiert, war der Ausfall des umtriebigen Christoph Baumgartner ebenfalls ein gewichtiger Grund dafür, dass Österreich sich speziell im letzten Drittel kaum zu entfalten wusste. Sämtlichen Alternativen mangelte es an der Selbstverständlichkeit und Umtriebigkeit, die man vom Leipzig-Legionär seit jeher kennt und die ihn zu einem echten Schlüsselspieler des ÖFB-Teams machen.
Lospech höchster Güte
Was von der WM bleibt, ist allerdings auch die nicht unberechtigte Ausrede des Lospechs. Nicht nur, dass man den argentinischen Weltmeister bereits in der Gruppenphase zog, war der weitere Weg durchs Turnier bzw. die wahrscheinlichste vorgezeichnete Variante mit die schwerste aller Mannschaften.
Ein Beispiel: Während die Schweiz im Sechzehntelfinale gegen Algerien ran musste und im Achtelfinale auf Kolumbien oder Ghana treffen wird, kam für die Österreicher im Sechzehntelfinale zusätzlich zum Vorrundenduell mit dem Weltmeister auch noch der Europameister dazu und im Falle eines Aufstiegs wäre es gegen Portugal weitergegangen.
Das realistische Maximum herausgeholt
Unangenehmer hätte man die Auslosung nur schwer erwischen können und so muss man auch im Rahmen der personellen Möglichkeiten konstatieren, dass Österreich das realistische Maximum aus dem Turnier herausholen konnte – und lediglich einige Phasen im letzten Gruppenspiel gegen Algerien einen wirklich fahlen Beigeschmack hinterlassen.
Niederlagen gegen Argentinien und Spanien waren zwar erwartbar, dennoch verabsäumte man es die hohen Favoriten richtig zu fordern, was auch ein wenig an einer zu großen Ausbalancierung der Mannschaft lag. Während einige Underdogs wie etwa Kap Verde zum Auftakt gegen Spanien sich auf eine sehr tiefe Herangehensweise fokussierten und damit Erfolg hatten, versuchte Österreich proaktiv mitzuspielen und scheiterte hierbei vor allem im Zentrum immer wieder an der eigenen Qualität und Form.
Das Problem der Entscheidungsfindung
Für diese Herangehensweise war über das gesamte Turnier mit Ausnahme einer Stunde gegen Algerien und Phasen im Spiel gegen Jordanien die Entscheidungsfindung im letzten Drittel viel zu kompliziert und nicht zielgerichtet genug. Das hätte es aber dringend gebraucht, um einen Gegner wie Spanien ins Wanken zu bringen, zumal man gegen eine derart hochklassige Zentralachse nicht zu vielen Möglichkeiten kommt.
Erwartbare Performance, keine Ausreißer nach oben oder unten
Die Deutlichkeit, mit der man Argentinien und Spanien schlussendlich unterlag, lässt allerdings auch keine Wehmut in Bezug auf das Turnier zu und man kann recht nüchtern resümieren, dass Österreich bei der Weltmeisterschaft 2026 schlichtweg innerhalb der Erwartung agierte. Nichts von dem, was beim Turnier passierte, war überraschend.
Dennoch steht die Mannschaft nun vor einem Restart, einem Generationenwechsel und wohl auch vor der Suche nach neuen Leithammeln sowie nachrückenden Talenten, die die nächsten Jahre beim ÖFB prägen sollen. Um diesen Übergangsprozess positiv zu gestalten, muss Rangnick jedenfalls danach trachten, sich auf seine taktischen Wurzeln rückzubesinnen, auch um das Nationalteam wieder etwas begeisternder zu gestalten, als es bei der WM 2026 der Fall war.
