Interview mit Robert Gucher
[nextpage title=“Der Kapitän führt Frosinone in die Serie A“]
Einen Tag vor seiner Abreise in den wohlverdienten Urlaub durften wir Robert Gucher im schwiegerväterlichen Restaurant in Graz zum Interview bitten. Der sympathische 24-jährige Legionär von Frosinone Calcio plauderte mit uns über seine Erfahrungen in Italien, das Gefühl den Aufstieg in die Serie A geschafft zu haben und über das österreichische Nationalteam.
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12terMann: Robert, du hast als Kapitän mit Frosinone Calcio in der letzten Saison den direkten Durchmarsch von der Serie C in die Serie A vollbracht. Für den kleinen Klub ist dies ein immenser Erfolg. Hast du das Ganze denn schon verarbeiten können?
Robert Gucher: Mittlerweile kann ich das Ganze ein bisschen besser realisieren, am Anfang fiel das wirklich noch schwer. Man verspürt da eine wahnsinnigen Euphorie, feiert einfach und weiß eigentlich nicht, was man wirklich erreicht hat. Jetzt mit den vielen Interviews in letzter Zeit wird einem die Situation langsam klarer und man beginnt den Erfolg zu genießen. Wenn dann die endültige Auslosung für die neue Saison stattgefunden hat und man endlich weiß wann man gegen wen spielt, dann werde ich wirklich richtig fassen können.
In der nächsten Saison heißen die Gegner Juventus Turin, Inter Mailand etc. Abgesehen von diesen Namen, auf was freust du dich am meisten in der Serie A?
Es reizt mich einfach alles an der Serie A – zum Beispiel, dass du dich mit Teams wie Juventus Turin oder AC Mailand messen kannst. Oder auch die Möglichkeit im Olimpiastadion auflaufen zu können, ein Stadion, das ich bislang nur als Zuschauer für Serie-A- und Champions League-Spiele besucht habe. Zusätzlich auch noch die Möglichkeit sich mit den absoluten Topstars duellieren zu können. Aber nicht, dass man jetzt glaubt, dass ich davor Angst habe; nein, es ist einfach eine irrsinnige Vorfreude da und ich sehe es als Belohnung für all die Investitionen in den letzten drei Jahren.

Frosinone gilt als sehr familiär geführter Verein ohne große Skandale. Liegt genau darin der Grund, dass sich der Club so schnell nach oben orientieren konnte?
Es ist in Italien für einen Verein sicher nicht üblich, dass man so eine Konstanz im Team hat, wie wir es hier in Frosinone haben. Seit drei Jahren werkt der gleiche Trainer mit beinahe dem gleichen Team, der Sportdirektor hat bei Neuverpflichtungen immer darauf geachtet, dass intelligente Spieler verpflichtet werden und man nicht nur große Namen kauft. Bei uns kommt jeder Kicker mit den Mitspieler aus, das Team besteht großteils aus jungen und hungrigen Fußballern, die auch bereit sind sich gegenseitig zu helfen. Zusätzliche Puzzlestücke sind die Stadt und die Fans, die einfach dankbar sind, dass der Verein Frosinone und somit auch die Stadt mit der Serie A in Verbindung gebracht werden. Und das Tolle ist, hätten wir den Aufstieg nicht geschafft, dann wäre uns auch niemand böse gewesen.
Sieht man sich die Abschlusstabellen der letzten drei Serie A-Saisonen an, so fällt auf, dass jeweils immer ein Aufsteiger nach einer Saison direkt wieder abgestiegen ist. Was stimmt dich zuversichtlich, dass dieser Verein in dieser Saison nicht Frosinone Calcio sein wird?
Dass mit Carpi mit uns ein weiterer kleiner Verein aufgestiegen ist und es sie erwischen wird (lacht). Nein, ernsthaft. Ich glaube, dass der Verein gut arbeiten wird und wir durch den direkten Aufstieg in die Serie A schon bewiesen haben, dass wir guten Fußball spielen können. Wir galten in der Vorsaison eigentlich als Absteigskandidat in der Serie B, haben also bereits beweisen, dass wir gegen die Gesetze arbeiten können. Zusätzlich herrscht eine wahnsinnige Euphorie im Team, der Stamm des Teams dürfte auch zusammenbleiben und mit sechs oder sieben neuen Spieler ergänzt werden, die sicher gut ins Gefüge passen werden. Das Ziel ist klarerweise der Klassenerhalt; ich sage, wenn wir Absteigen, dann haben wir ein Wunder geschafft, dass wir überhaupt aufgestiegen sind, sollten wir oben bleiben, dann haben wir gleich ein zweites Wunder vollbracht. Wir müssen das Jahr einfach genießen und können im Endeffekt befreit aufspielen.
Mit Frosinone und Carpi steigen nach der letzten Spielzeit zwei Teams aus kleinen Städten in die Serie A auf, in Österreich würde man diese Vereine vielerorts als Dorfklubs bezeichnen und ihnen jegliche Existenzerlaubnis in der ersten Liga abstreiten. Was kannst du solchen Aussagen entgegenstellen?
Es geht einfach darum, dass der Verein, der den Aufstieg sportlich erreicht hat, den Aufstieg einfach verdient hat. In unserem Fall ist es so, dass wir jetzt mehrere Jahre gezielt auf dieses Ereignis hingearbeitet haben. In der Vorsaison haben wir einfach von Spiel zu Spiel geschaut und durch den Erfolg die Fans mitgezogen. In unser Stadion passen 10.000 Zuschauer, aber dass in der letzten Runde gut 20.000 Fans das Spiel vor dem Stadion auf einer Leinwand verfolgt haben, davon wird nicht berichtet. Auch Carpi hat es geschafft die Fans zu mobilisieren, in ihr Stadion passen sogar nur knappe 5000 Zuschauer. Durch Erfolge kann man wie man sieht auch als kleine Stadt die Stadien füllen. Im direkten Vergleich zu Österreich liegt das möglicherweise aber auch an der Mentalität der Italiener. Als Spieler wirst du nach Siegen regelrecht angehimmelt und auf Händen durch die Stadt getragen, die Fans in Italien – gerade im Süden gibt es ja bekanntlich wirtschaftliche Probleme – vergessen dadurch ihre Sorgen. Quer durch alle Altersgruppe kommen Menschen ins Stadion, die noch nie ein Stadion von Innen gesehen haben, um dort einfach das Positive mitnehmen zu können.
Man sieht, auch ein Dorfklub zieht Fans und Zuschauer an und hilft vielen, ihre täglichen Sorgen zu vergessen.
Als Spieler wirst du nach Siegen regelrecht angehimmelt und auf Händen durch die Stadt getragen.
Stichwort Dorfklubs – in Österreich wird hierbei auch oft die mangelhafte Stadioninfrastruktur kritisiert. In Italien ist diese ja auch nicht gerade auf dem neuesten Stand. Seit der WM 1990 hat sich hierbei wenig geändert. Kannst du uns bezüglich der Infrastruktur vielleicht etwas Einblick geben?
Meiner Meinung nach ist die Infrastruktur in Italien im Vergleich zu Österreich viel schlechter. Je weiter du in Italien in den Süden kommst, umso desolater sind die Stadien. Man hat nach der WM 1990 diese Thematik links liegen lassen und teilweise wird auch jetzt noch kein Wert auf beispielweise vernünftige Trainingsmöglichkeiten gelegt. Nur ein kleines Beispiel: Der FC Genua in der Serie A hat lediglich einen Trainingsplatz, zusätzlich noch einen kleinen Kunstrasenplatz, der nicht größer als eine mittlere Turnhalle ist. Die Kraftkammer des FC Genua ist in einem Partyzelt untergebracht, im Winter wird das einfach beheizt. Wenn man beispielweise von Red Bull Salzburg nach Italien wechseln würde, dann würde man zwei Stunden später wieder nach Hause fliegen.
Als ich nach Italien kam habe ich mir zuerst einmal gedacht, was denn hier überhaupt los ist, aber das ist das italienische und das macht es so besonders wenn du mehrere Jahre dort lebst; der Einheimische legt auf die Infrastruktur keinen Wert. Für uns als Spieler ist beispielweise das Stadion von Catania nicht schön anzusehen, doch das wichtigste aus unserer Sicht ist, dass der Zustand des Rasens einwandfrei ist.
Werden seitens der Clubs mittlerweile Adaptierungen angedacht?
Ja, klar! Beim Beispiel vom FC Genua ging es ja nur ums Trainingszentrum, das Stadion ist in Ordnung. Juve hat beispielsweise mit dem neuen Stadion alles richtig gemacht und auch die Roma bekommt jetzt endlich ihr neues Stadion. Diese Schritte waren für den italienischen Fußball von enormer Wichtigkeit. Eines darf man allerdings nicht vergessen, alles ist auch eine Frage des nötigen Geldes und dann wäre da noch etwas: wenn du im Stadion in Italien etwas änderst, dann musst du die Ultras unter Kontrolle bekommen, denn sonst musst du wieder die bekannten Käfige bauen. In den meisten Stadien sind die Zäune so hoch, dass hier niemand einfach drüberklettern kann, bei den Auswärtsfans wird ab und an sogar ein Netz über den Sektor gespannt, damit ja nichts aufs Spielfeld geworfen werden kann. Solange die Problematik mit den Ultras nicht in Griff gebracht werden kann, wird sich hinsichtlich neuer Stadien in Italien wenig tun.
[nextpage title=“Über die Serie A und die Tifosi“]
Das heißt, dass es in naher Zukunft auf den Tribünen in Italien nicht ähnlich zugehen wird, wie es jetzt beispielsweise in England der Fall ist?
Ihr sagt es. Die Fans in Italien sind eigen. Ist man als Team oben auf, dann tragen sie dich – wie ich vorher schon erwähnt habe – auf den Händen durch die Stadt. Wenn es hingegen schlecht läuft, dann kann es schon mal vorkommen, dass du von Fans auf der Straße empfangen wirst oder dein Auto demoliert wird. Auch ich habe solche Situationen leider schon miterlebt – einmal hatten wir nach einer Auswärtsniederlage noch eine vierstündige Busfahrt vor uns. Plötzlich läuteten unsere Handys und uns wurde mitgeteilt, dass unsere Autos gerade zerstört werden. In Italien gibt es in der Fanszene nur Extrembeispiele im positiven wie im negativen Sinn, einen Mittelweg, den kennen die Tifosi nicht.
…, dann kann es schon mal vorkommen, dass du von Fans auf der Straße empfangen wirst oder dein Auto demoliert wird.
Du stehst mittlerweile seit knapp sieben Jahren bei italienischen Vereinen unter Vertrag, wirst auch von den Fans schon als Italiener aufgenommen. Unterbrochen wurde diese Zeit lediglich durch eine 1 ½ Jahre andauernde Leihe zum SV Kapfenberg. Hand auf Herz, wo steht aus deiner Sicht der österreichische Fußball im Vergleich zum italienischen?
Für mich ist diese Frage sehr schwer zu beantworten, ich glaube, dass da zwei komplett andere Fußballkulturen und Mentalitäten aufeinandertreffen und ein Vergleich somit nicht wirklich zulässig ist. Die österreichische Liga ist ja nicht schlecht, sie wird nur einfach gerne schlecht gemacht. Möglicherwiese liegt hierfür die Schuld am Umfeld. Red Bull Salzburg beispielsweise hat in der Europa League Lazio Rom zweimal besiegt, man sieht, österreichs Vereine können durchaus mithalten. Ob das natürlich über eine komplette Saison möglich wäre, das steht auf einem anderen Blatt Papier. Prinzipiell wird in beiden ersten Ligen kein schlechter Fußball geboten, auch der totgesagte italienische Fußball hat sich wieder erholt und heuer in der Champions League und Europa League groß aufgezeigt.
Der größte Unterschied zwischen den beiden Ligen ist vielleicht jener, dass es in Österreich viermal pro Saison gegen den gleichen Gegner geht – das ist dann eine Kopfsache, dass man sich da jedes Mal aufs Neue motivieren kann. In Italien spielst du in einer Woche gegen Juve, dann in der nächsten gegen Chievo Verona wo es womöglich gegen den Abstieg geht, das sind alles Endspiele und da kann man sich auch besser motivieren.
In Italien findet aber mittlerweile fußballtechnisch ein Umdenken statt, da es viele junge Trainer gibt, die eine andere Mentalität haben und denen auch die Möglichkeiten gegeben werden, dass sie etwas aufbauen.
Du hast eben angesprochen, dass ein Umdenken im italienischen Fußball stattfindet. Früher hatte der italienische Fußball einerseits oftmals den Ruf, dass sich die Spieler bei jeder Berührung fallen lassen und einen sterbenden Schwan mimen, andererseits kommt einem beim italienischen Fußball das Wort Catenaccio in den Sinn. Wird von diesem System jetzt wieder komplett abgewichen?
Ja, das ist richtig. Meine Jahre in der Serie C haben mich beispielsweise weiter nach vorne gebracht – ich war immer ein Fußballer, der viel wert auf das spielerische gelegt hat, doch damit konnte man in der Serie C wenig anfangen. Dort wird wenig Fußball gespielt, da gehts zumeist nur um die zweiten Bälle, eher mehr Kampf und Krampf. Aber dadurch wird man als Kicker reifer, ich habe beispielsweise in der Serie C pro Spiel etwa 20 Balleroberungen gehabt. Das war früher nie mein Spielstil, doch dadurch bin ich vielseiter geworden, kann jetzt mal ein Spiel lenken und im nächsten Moment wenn nötig auch mal zweite Bälle erobern.
Die italienische Serie A hatte in den letzten Jahren vermehrt den Ruf einer – böse ausgedrückt – Rentnerliga, das Durchschnittsalter der Seria A-Kicker der Saison 2014/2015 lag bei etwas über 27 Jahren. Heuer wurde beispielsweise Luca Toni mit 38 Jahren Torschützenkönig. Fehlt es dem italienischen Fußball an qualitativ hochwertigen jungen Kickern, oder werden Sie aus deiner Sicht zu wenig gefördert?
In Italien herrscht im Klubfußball kaum Konstanz, da wird oftmals alle zwei Wochen der Trainer gewechselt oder die Führungsetage ausgetauscht. Jedes Mal muss dann bei Null begonnen werden und darunter leiden auch die junge Kicker. Zusätzlich hängt vieles auch mit den Fans zusammen: wenn ich als Team jetzt einen 18-jährigen Stürmer im Team habe und gleichzeitig noch beispielsweise der Luca Toni bei mir unter Vertrag steht, dann wird der Fan beruhigter sein, wenn der erfahrene Toni stürmt. Wenn der dann die Tore nicht schießt, dann kann der Verein sagen, dass er den Luca Toni eh hat spielen lassen, aber der halt einfach keine Tore geschossen hat und man da nichts machen kann. Wie will man aber positiv argumentieren, wenn ein 18-Jähriger längere Zeit nicht ins gegnerische Tor trifft? Natürlich muss man in der Serie A auf die Namen schauen, gerade bei den Topteams. Der Druck von Außen erschwert die Sache in Italien mit Sicherheit und sehr viele Präsidenten trauen sich aus diesem Grund nicht, dass sie jungen Talenten die Chance geben. Bei uns in Frosinone ist das genau anders rum – der Präsident will mit jungen und hungrigen Spielern arbeiten. Klar, bei uns ist es leichter, da du den Druck von Außen nicht so sehr spürst.
[nextpage title=“Wie man sich als Nicht-Italiener in Italien durchsetzt“]
Das heißt als junger Nicht-Italiener hat man es wahrscheinlich noch schwerer, es haben sich ja auch schon einige österreichische Kicker in Italien versucht, nicht alle haben den Durchbruch geschafft. Dein Freund Dieter Elsneg, der mit dir gemeinsam beim GAK gespielt hat, kickt wieder in Österreich, auch bei Lukas Spendlhofer ging die Reise zurück in die Heimat. Wie groß ist die Überwindung bzw. der Aufwand, dass man sich als junger Legionär der Herausforderung stellt und schlussendlich den Sprung nach ganz oben schafft?
Geduld ist ein wichtiger Faktor, du darfst nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, denn zurückkommen kannst du immer. Ich kann jetzt natürlich leicht reden, denn zur Zeit ist alles schön, doch ich hatte auch schon deutlich schlechtere Zeiten, wo ich mich gefragt habe, warum ich mir das eigentlich antue. Ich bin aber froh, dass ich nicht aufgeben habe und mich nicht unterkriegen hab lassen und jetzt kommt das Ganze zurück.
Prinzipiell hast du es als Nicht-Italiener nicht einfach, du musst mindestens eine Klasse besser sein als der einheimische Kicker. Das ist bei uns in Österreich nicht anders – wenn du einen Trainer hast, der sehr viel Wert auf Taktik legt und du kannst als auswärtiger Spieler die Spache nicht, dann wird immer der Spieler am Feld stehen, der die Angaben versteht, auch wenn er vielleicht eine Klasse schlechter ist.
Geduld ist ein wichtiger Faktor, du darfst nicht gleich die Flinte ins Korn werfen,...
Du hast vor Kurzem einmal in einem Interview erwähnt, dass das Durchschnittsalter des Serie-A-Debütanten bei über 25 Jahren liegt, das heißt du bist da als 24-jähriger Kapitän schon eine Ausnahmeerscheinung.
Das mit dem Durschschnittsalter stimmt so tatsächlich, doch um dem entgegenzuwirken gibt es mittlerweile auf Sky in Italien einmal wöchentlich ein Programm, das die besten 15-17-jährigen Talente des Landes pushed. Ich selbst bin mit 24 Jahren nicht mehr der jüngste, aber aus italienischer Sicht bin ich noch immer jung. Natürlich gibt es immer wieder mal die Ausnahme, dass ein junger Kicker den Durchbruch schafft. Als ich noch beim FC Genua unter Vertrag gestanden bin, da stand ich im Kader der ersten Mannschat und Stephan El Shaarawy hat in der zweiten Mannschaft trainiert. Er ist dann einfach gepushed worden, durch das gute Verhältnis zwischen dem AC Milan und Genua kam ein Wechsel zustande und in Mailand wurde er zum richtigen Zeitpunkt einfach ins kalte Wasser geworfen und hat bald einen Doppelpack geschnürt – so hat sich das Rad langsam zu drehen begonnen. Das sind aber Ausnahmefälle in Italien – großteils sieht es so aus, dass du als 22 oder 23-jähriger von einem Großclub gekauft wirst und dann in die Serie B oder C verliehen wirst.

Du wurdest nach dieser Saison als bester Mittelfeldspieler der Serie B ausgezeichnet. Ein Ansporn, um in der Serie A gleich wieder voll anzugreifen und die letztjährigen Leistungen nochmals zu toppen oder eher ein zusätzlicher Druck, da die Leistung bestätigt werden muss?
Da ist natürlich die positive Motivation, dass du von den Trainern der Serie B als bester Mittelfeldspieler ausgezeichnet worden bist und du somit in deiner Arbeit bestätigt wirst. Und zweitens ist es ein Anreiz, dass du dir sagst, wenn ich schon als einer der besten Kicker der Serie B gesehen werde, dann kann ich beziehungsweise will ich auch in der Serie A bestehen.
Dein Vertrag bei Frosinone Calcio läuft noch bis 2017 – was sind deine nächsten Karriereziele bzw. anders gefragt, hat es bereits Anfragen von größeren Klubs gegeben?
Im Hintergrund tut sich naturgemäß immer ein bisschen etwas, das ist klar – aber die heiße Phase im Juli und August kommt erst. Frosinone will mich überhaupt nicht ziehen lassen und ich muss auch nicht wirklich weg, es gibt tatsächlich schlimmere Situationen als Fußballer (lacht). Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass etwas passiert, anhören tut man sich alles. Es gäbe ja auch die Möglichkeit, dass ich von einem Verein verpflichtet werde, der mich dann noch ein Jahr in Frosinone parkt. Sollte ein gutes Angebot eingelangen, dann sind sowohl der Verein als auch ich für alle Optionen offen. Mein Ziel ist es aber primär, dass ich in der nächsten Saison in der Serie A so viel Spiele wie nur möglich absolviere und diese wenn möglich auch aus meiner Sicht positiv gestalte, um mich gut präsentieren zu können.
Jeder Kicker hat naturgemäß ein großes Vorbild, an dem er sich orientiert – verrätst du uns deines?
Ganz kurz und bündig – Andrea Pirlo.
[nextpage title=“Das Ziel ÖFB-Nationalteam“]
Lass uns auch noch etwas über das österreichische Nationalteam sprechen. Das ÖFB-Team ist drauf und dran sich für die EM-Endrunde in Frankreich zu qualifizieren. Wie siehst du die derzeitige Entwicklung des Nationalteams, was hat sich seit geändert, seit Marcel Koller das Zepter schwingt?
Ich glaube, jeder sieht, dass endlich ein Konzept existiert und Koller wirklich gut mit dem Team arbeitet. Auch hat der Teamchef einen Stamm gefunden, dem er vertraut. Ich nehme jetzt mal den Fall György Garics zur Hand, der ja im letzten halben Jahr kaum gespielt hat und trotzdem für das wichtige Länderspiel gegen Russland einberufen wurde. Ich glaube das zeigt auch den Charakter des Teamchefs, dass er einen Spieler wenn es mal nicht so läuft nicht einfach hängen lässt. Die starken Leistungen des österreichischen Nationalteams werden mittlerweile auch in Italien honoriert und anerkannt.
War es für die Entwicklung vielleicht auch einfach mal wichtig, dass ein Nationaltrainer aus dem Ausland verpflichtet wurde, der Dinge möglicherweise von einer anderen Seite sieht? In Österreich lief sonst ja viel über die allseits beliebte „Verhaberung“.
Das mit österreichischen Trainern, das würde ich jetzt gar nicht mal so sehen. Marcel Koller hat jetzt auch den Vorteil, dass viele Legionäre im Team spielen und man sieht einfach was möglich ist, wenn alle Kicker Woche für Woche auf einem Topniveau spielen. Da ist man auch vom Kopf her anders gefordert, als wenn man pro Saison als Kicker von Red Bull Salzburg vier Mal gegen Wr. Neustadt antritt. Und genau diese Kopfsache macht dann oft den Unterschied aus. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass das Nationalteam vor ein paar Jahren bei einem Auswärtsspiel in Russland nicht so überzeugend angetreten wäre. Das zeigt einerseits die wirklich gute Arbeit des Teamchefs, andereseits aber auch den Status der Legionäre – das Gesamtpaket, das fruchtet dann einfach.

Teamchef Marcel Koller ist bekannt dafür, dass er seinem Stamm vertraut. Ab und an – so wie beispielsweise zuletzt vor dem Länderspiel gegen Russland – bekommen auch neue Spieler eine Chance sich zu beweisen. Wie groß sind deine Hoffnungen, dass du noch auf den EM-Zug aufspringen kannst?
Mein erstes Ziel ist überhaupt mal eine Einberufung (lacht) – so lange ich nicht einberufen werden, so lange kann man auch nicht mit einer Teilnahme an der Europameisterschaft rechnen. Es kommt jetzt viel zusammen, von einer Saison hat sich noch niemand für mich interessiert, jetzt ist plötzlich das Thema Nationalmannschaft allgegenwärtig – so schnell gehts im Fußball bergauf, aber man darf nicht vergessen, dass es ebenso schnell auch wieder nach Hinten losgehen kann.
Auch meiner Sicht ist es dennoch möglich, dass ich noch auf den EM-Zug aufspringe, aber dafür muss ich meine Leistung in der Serie A bringen und ob dann der Anruf des Teamchefs kommt, das muss er selbst wissen. Aus meiner Sicht sei gesagt, dass es super wäre, wenn sich das Nationalteam schnell für die EM qualifiziert, da dann die Möglichkeiten für den Teamchef gegeben sind, auch mal neue Spieler einzusetzen. Wenn du mal ein oder zwei Spiele ohne jeglichen Druck spielen kannst, dann ist es vielleicht auch möglich, Kicker aus dem erweiterten Kreis des Nationalteams aufzustellen und unter die Lupe zu nehmen. Denn sollten im Falle des Falles – so wie zuletzt – mehrere Teamspieler verletzungsbedingt ausfallen, dann wüssten jene Kicker, die dann auflaufen, genau, was zu tun ist.
Das Ziel von jedem österreichischen Fußballer muss es sein, dass er seine Leistungen abrufen kann und den Teamchef dadurch in Schwierigkeiten bringt, wen er denn schlussendlich einberuft. Bei jeder Kaderbenennung sollte der Teamchef im positiven Sinne Angst haben, wen er am Ende nominiert. Da kann es schon mal sein, dass einer durch den Rost fällt, auch wenn er sich die Einberufung verdient hätte – doch genau das ist es, was den österreichischen Fußball nach vorne bringt!
Diesen Luxus, den hatten wir ja schon lange nicht mehr.
Genau, das hatten wir tatsächlich schon länger nicht mehr. Ich glaube, dass jeder Spieler daran arbeitet, dass er das eigene Land einmal vertreten darf und das ist auch mein Ziel. Ich mache mir da jetzt aber keinen Druck.
Ganz am Ende noch mal kurz weg vom Nationalteam. Du bist ja jetzt gerade auf Heimaturlaub und hast dich mit vielen Förderern – so zum Beispiel mit Didi Pegam – aus der Jugend getroffen, hast auch die Akademie kurz besucht. Was ist das für dich für ein Gefühl, wenn du dorthin zurückkehrst, wo alles begonnen hat? Gibst du da auch jungen Spieler Tipps?
Für mich persönlich ist es immer schön, wenn ich zurückkomme – so oft schaffe ich es in der Saison ja nicht nach Graz. Natürlich habe ich mich auch diesmal wieder mit einigen Förderern getroffen. Mein ehemaliger Klassenvorstand und U-15-Trainer Thomas Böcksteiner hat mich zum Beispiel in die HIB-Liebenau eingeladen, um dort mit den U15 und U16 Kickern von Sturm ein bisschen zu reden. Ich war dort gut eineinhalb Stunden und bin Rede und Antwort gestanden, das ist sehr gut angekommen. Anwesend waren dort auch Didi Pegam, Arnold Wetl und Heimo Krupp sowie der Direktor und ehemalige Lehrer – es war ein tolle Sache, dass ich alle wieder mal gesehen habe. Es hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht, da ich auch wirklich sehr gerne mit Kindern arbeite. Bei dem Vortrag hat man dann auch gesehen, dass die Schüler tatsächlich in der Schule auch zuhören können (lacht)!
Robert, vielen herzlichen Dank für das Interview!
Wichtiger Tipp, um immer am neuesten Stand zu sein!
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(Raphaela Prader, Robert Lösch, Christian Semmelrock)
