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Kommentar: Kann Österreich wirklich jeden schlagen?

Es kam, wie es kommen musste. Österreich spielte eine WM ohne großen Glanz und schied gegen Spanien im Sechzehntelfinale aus, ohne auch nur eine einzige Torchance herausgespielt zu haben. „Wir haben die Qualität, jeden Gegner zu schlagen“, hatte David Alaba noch vor dem Spiel in die TV-Kamera gesagt. Wo er diese Qualitäten in der österreichischen Mannschaft exakt ausmachen kann, die Fußballgroßmächte wie Spanien zu einer Niederlage zwingen sollen, ist von außerhalb schwer nachvollziehbar. Man sah eben kein Team, dass jeden schlagen kann, sondern eine ausrechenbare Elf, die weder defensiv solide war, noch über ein stabiles Mittelfeld verfügte und auch keine durchsetzungsfähige Offensive hatte. Es war höchstens okay, aber weit weg von gut. Seit der EM 2024, wo man so unglücklich an der Türkei scheiterte, zeichnet sich ein konstanter Abwärtstrend ab. Und das hat viele Gründe.

Immer die gleichen

Rangnick „widmete“ die WM den altbewährten Spielern, seinen elf Freunden, sozusagen. Menschlich absolut nachvollziehbar, sportlich keinesfalls. Ganz egal in welchem Fitnesszustand und in welchem Bereich einer Formkurve sich diese Spieler befinden, sie wurden einfach aufgestellt. Xaver Schlager musste gegen Algerien völlig platt nach der ersten Halbzeit raus. Gegen Spanien stand er dennoch in der Startelf. Laut Rangnick sei es ausreichend gewesen, dass der Spieler selbst meinte, dass er fit sei. Manche Spieler werden erst gar nicht nominiert. Junge erhalten kaum eine Chance. Die restlichen Spieler im Kader dürfen zwar ein Teil des großen Ganzen sein: aber bitte am Rande, still, passiv und geduldig wartend auf der Bank. Es spielen die anderen. Auch Rotation ist nicht erlaubt. Die Konsequenz einer solch sturen Personalpolitik sah man folglich am Spielfeld. Jener Ort, wo wirklich wenig bis teils nichts funktionierte. Oder zumindest erst dann funktionierte, wenn Ralf Rangnick nicht mehr weiter wusste, seinen gescheiterten Plan A verwarf und wechselte.

Schon seit Jahren ist es auffällig, dass die ersten Hälften der ÖFB-Elf häufig verbesserungswürdig sind und man erst in Hälfte Zwei Zugriff auf das Spiel bekommt. Genau dann, wenn Rangnick wechselt und umstellt. „Gutes In-Game-Coaching von Rangnick“, liest man manches Mal in Kommentaren. Doch ist es das wirklich? Oder wählt Rangnick bloß zu häufig einen falschen Plan A. Ein Plan, der uns ausrechenbar und harmlos macht. „Warum stellt er nie von Beginn an so auf?“, ist eine häufig zu lesende und mehr als berechtigte Frage. Ob Österreich unter Rangnick die richtige Strategie und Taktik wählt, ist fraglich. Besonders wenn man vergleicht, wie sich Kap Verde gegen Argentinien verkaufte und wie sich Österreich im Gegensatz dazu angestellt hat.

Spielstil ist in die Jahre gekommen

Bei der EM 2024 galten die Österreicher noch als gefürchtete Pressingmaschine. Doch davon ist schon seit der Qualifikation zur Weltmeisterschaft nichts mehr zu sehen. Ist das Nationalteam körperlich nicht mehr imstande dazu? Haben sich die Gegner bereits allesamt darauf eingestellt? Oder ziehen wir das Pressing nicht mehr taktisch diszipliniert durch, sodass es auch greift? Bei der WM war klar ersichtlich, dass diesen Spielstil kaum jemand pflegt. Einerseits weil es viel zu kräfteraubend ist und zum Zweiten, weil sich gerade die Topnationen perfekt darauf eingestellt haben und auch die individuelle Qualität haben, einen pressenden Gegner ins Leere laufen zu lassen. Viel mehr konnte man bei dieser WM gut sehen, dass es gerade als kleinere Nation wesentlich effektiver ist, kompakt und tief zu stehen.

Ein Spielstil, der sich nur gegen den Ball orientiert, ständiges Anlaufen voraussetzt, erfordert auch physisch enorm fitte Spieler und kann nicht unter allen klimatischen Bedingungen praktiziert werden. Es bleibt also auch die Stilfrage offen, unter welchem Motto die österreichische Nationalmannschaft in Zukunft agieren möchte und besonders auch agieren kann. Denn Selbstüberschätzung und Selbstbewusstsein sind oftmals schwer voneinander zu trennen.

Gegen Argentinien und Spanien sah man, dass es die eigenen Fähigkeiten nicht erlauben, ein offenes Spiel erfolgreich zu gestalten. Denn unter all den Kämpfern, Maschinen und Rackern findet sich eines de facto nicht: Nämlich Ballkünstler, technisch versierte Spieler und Virtuosen auf internationalem Niveau. Fußballer, die mit hohen Erfolgsraten in ein Eins-gegen-Eins gehen können. Fußballer, die Bälle auf höchstem technischen Niveau in einem Gefahrenbereich des Gegners verarbeiten können. Wer dies also nicht in seinen Reihen hat, wäre vielleicht gut damit beraten, seinen Stil mit etwas bescheideneren Mitteln zu gestalten. Österreich definiert sich fast ausschließlich über Intensität. Sobald die Fitness diese Intensität nicht zulässt oder der Gegner sie neutralisiert bzw. das Tempo aus dem Spiel nimmt, fehlt ein Plan, um über Ballbesitz, Technik oder kreative Lösungen Chancen zu kreieren. Oder über den einfachsten Weg überhaupt: Hoher Ball in Richtung Stürmer und auf den zweiten Ball gehen. Genau das war gegen Spanien und auch gegen Argentinien sichtbar: Österreich konnte das Spiel niemals diktieren und auch nach Ballgewinnen nicht genügend Qualität entwickeln, um in irgendeiner Weise gefährlich zu werden.

Verdrängung bester Freund der Österreicher

Dass Österreich zu den ältesten Mannschaften des Turniers gehörte, wäre wohl für sich genommen kein Problem gewesen. Problematisch wird es erst dann, wenn Erfahrung wichtiger wird als die aktuelle Form. Spieler wie David Alaba oder Marko Arnautović haben über Jahre große Verdienste um den österreichischen Fußball erworben. Doch ein Nationalteam sollte nach dem Leistungsprinzip zusammengestellt werden – nicht nach vergangenen Erfolgen. Bleiben etablierte Spieler unabhängig von ihrer aktuellen Verfassung gesetzt, wird der dringend notwendige Generationenwechsel zwangsläufig hinausgezögert. Das Tor zum 3:3 gegen Algerien wurde im Nachhinein beinahe wie ein kleines Wunder gefeiert. Dabei geriet in den Hintergrund, dass Österreich wenige Minuten zuvor noch das 2:3 kassierte – ein Gegentor, dass das WM-Aus bedeutet hätte und besonders auf mangelnde Ordnung und Naivität zurückzuführen war. Statt diese strukturellen Probleme zu diskutieren, überwog überall bloß die Erleichterung über den glücklichen Ausgang. Beim ÖFB-Team spricht man generell nur noch von Familientreffen mit Schmäh. Sicher: Der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft gilt seit Jahren als große Stärke. Doch ein Nationalteam braucht mehr als nur eine gute Atmosphäre. Wo jeder seinen Platz kennt und Hierarchien kaum hinterfragt werden, droht der Konkurrenzkampf verloren zu gehen. Eine erfolgreiche Nationalmannschaft braucht nicht nur Harmonie, sondern auch beinharten Leistungsdruck. Stammplätze dürfen kein Dauerzustand sein, sondern müssen in jedem Lehrgang neu verdient werden.

Sätze wie „Wir sollten stolz sein“ oder „Das nötige Glück hat gefehlt“ verwaschen wieder einmal Realität und Wunschvorstellung. Österreich hat nicht wegen unglücklicher Umstände verloren, sondern weil die Mannschaft über weite Strecken spielerisch unterlegen und fußballerisch über weite Strecken nicht vorhanden war. Wer die Niederlage ausschließlich mit fehlendem Glück erklärt, läuft Gefahr, die eigentlichen Ursachen zu übersehen. Und wer behauptet, Österreich könne jeden Gegner schlagen, muss sich an Ergebnissen messen lassen. Denn wie viele große Fußballnationen hat Österreich in den vergangenen zwanzig Jahren bei einer Endrunde oder in einem Qualifikationsspiel tatsächlich besiegt? Die Antwort fällt ernüchternd aus.

Rangnick muss liefern

Die größte Aufgabe Ralf Rangnicks der kommenden Jahre wird es deshalb sein, einen Generationenwechsel zu vollziehen und das Spiel Österreichs um eine zweite, neue Identität zu erweitern. Denn Pressing und Intensität allein reichen im internationalen Spitzenfußball längst nicht mehr aus. Die eigentliche Enttäuschung dieser WM war nicht das Ausscheiden gegen Spanien, sondern, dass Österreich in seiner Entwicklung stehengeblieben ist. Während andere Nationen – ganz besonders die Kleinen – neue Lösungen gefunden haben, vertraut der ÖFB weiterhin auf jene Ideen, die vor zwei Jahren noch funktionierten. Auf höchstem Niveau reicht das aber nicht mehr.

Markus Keimel, 12termann.at