Nationalteam

Österreich findet seine Intensität wieder: Die Analyse zum 3:1 gegen den Kosovo

Österreich feierte mit dem 3:1 gegen den Kosovo den zweiten Sieg im zweiten Spiel der neuen Nations-League-Saison. Das Ergebnis allein erzählt diesmal aber nur einen Teil der Geschichte. Nach dem phasenweise mühsamen Auftakt gegen Israel zeigte die Mannschaft von Ralf Rangnick deutlich mehr von jenem Fußball, der in den vergangenen Jahren zum Markenzeichen des ÖFB-Teams geworden ist: Hohe Intensität gegen den Ball, aggressives Nachrücken und schnelle, vertikale Angriffe nach Ballgewinnen – und das trotz reichlich Rotation!

Dabei veränderte Rangnick seine Startelf an gleich sechs Positionen. Christian Zawieschitzky und Nikolas Veratschnig debütierten, David Affengruber rückte in die Innenverteidigung, Maximilian Wöber begann links hinten, Paul Wanner erhielt eine zentrale Rolle im Mittelfeld und Junior Adamu startete im Angriff. Der Kosovo verteidigte meist in einer Fünferkette aus einem 5-2-3 heraus, Österreich reagierte darauf mit einer interessanten Veränderung im Zentrum.

Seiwald als alleiniger Sechser, Schlager und Wanner davor

Auf dem Papier war die österreichische Formation ein 4-2-3-1, tatsächlich war die Staffelung im Mittelfeld aber häufig eher ein 4-1-4-1 bzw. 4-3-3. Rangnick bestätigte nach dem Spiel, dass diese Anpassung bewusst vorgenommen wurde: Nicolas Seiwald spielte als alleiniger Sechser, während Xaver Schlager und Paul Wanner höher, als Doppelacht, positioniert waren.

Der Hintergrund war die Formation des Kosovo. Mit drei Innenverteidigern und zwei Wingbacks wollte Franco Fodas Mannschaft eine stabile erste Aufbaulinie bilden. Österreich benötigte deshalb mehr Personal in höheren zentralen Zonen, um Druck auf die Ballzirkulation im kosovarischen Aufbau ausüben zu können. Schlager und Wanner sollten deshalb aus ihren Achterpositionen immer wieder nach vorne rücken, während Seiwald dahinter absicherte.

Diese Struktur funktionierte insgesamt gut. Gerade Schlager war für das österreichische Spiel enorm wichtig. Er spielte deutlich dynamischer als noch bei der Weltmeisterschaft, attackierte zweite Bälle früh und rückte immer wieder aggressiv aus seiner Position heraus. Rangnick bezeichnete die Leistung anschließend als jene Version Schlagers, „die wir brauchen“. Dabei ist vor allem Schlagers Rolle bei Nottingham Forest in einer Liga, wo intensives Gegenpressing stets gefragt ist, sicher auch ein Vorteil fürs Nationalteam.

Allerdings zeigte sich bereits nach wenigen Minuten auch die Kehrseite dieser aggressiven Ausrichtung. Wurde die erste österreichische Pressinglinie überspielt, entstanden hinter den herausrückenden Spielern Räume. Genau daraus entwickelte sich in der sechsten Minute die erste riesige Chance für Fenerbahce-Zielspieler Vedat Muriqi, der aus kurzer Distanz über das Tor schoss. Auch später gelang es dem Kosovo vereinzelt, Österreichs erste Pressinglinie zu überspielen.

Österreich zwingt Kosovo zu Fehlern

Das Entscheidende war allerdings, dass Österreich diese Situationen wesentlich häufiger selbst kontrollierte. Das Pressing wirkte koordinierter als gegen Israel. Adamu arbeitete im Zentrum konsequent gegen die erste Aufbaulinie, während Patrick Wimmer und Romano Schmid die äußeren Räume anliefen. Schlager und Wanner schoben dahinter aggressiv nach, um möglichst früh im Zehnerraum die Aufbauräume der Gäste zu verengen.

Dadurch musste der Kosovo zahlreiche Angriffe entweder früh abbrechen oder unter Druck fortsetzen. Rangnick forderte zuletzt, dass es im Training wieder „scheppern“ müsse – gegen Kosovo war diese Intensität tatsächlich über weite Strecken sichtbar.

Österreich verzeichnete neun Interceptions gegenüber nur zwei des Kosovo. Auch die 60 Eintritte ins letzte Drittel gegenüber 45 des Gegners zeigen, dass das ÖFB-Team häufiger in gefährliche Feldpositionen kam. Der Ballbesitz war mit 52:48 Prozent hingegen nahezu ausgeglichen. Das passt auch zum Spiel, denn Österreich dominierte weniger durch lange Ballbesitzphasen, als durch die Qualität seiner Ballgewinne und den sehr dynamischen und schnellen Vortrag der anschließenden Aktionen.

Standard öffnet die Partie

Gegen die tiefere kosovarische Fünferkette war es zunächst nicht einfach, aus dem Positionsspiel heraus klare Chancen zu erzeugen. Umso wichtiger war das 1:0 nach 23 Minuten.

Romano Schmid brachte einen Freistoß in den Strafraum, David Affengruber löste sich gut und köpfte den Ball ins lange Eck. Für den Innenverteidiger war es bei seinem Startelfdebüt und seinem erst zweiten Länderspiel gleichzeitig das erste Länderspieltor. Rangnick erklärte nach dem Spiel, dass solche Standards in den Tagen zuvor intensiv mit dem neuen Standardtrainer Max Ritscher trainiert worden waren.

Die Führung veränderte die Partie. Kosovo musste etwas aktiver werden und bot Österreich damit zunehmend jene Räume, die Rangnicks Mannschaft am liebsten bespielt.

Das 2:0 zeigt den besten Rangnick-Fußball

Der zweite Treffer unmittelbar vor der Pause war die stärkste österreichische Aktion des Abends – und gleichzeitig ein Musterbeispiel für die gewünschte Spielweise.

Der Angriff begann beim Torhüter: Zawieschitzky eröffnete kurz auf Schlager, der anschließend selbst Tempo aufnahm und mehrere Gegenspieler überwand. Sein Pass schickte Wimmer in die Tiefe, der den Ball präzise in die Mitte spielte. Adamu lief konsequent mit und vollendete zum 2:0.

Der Treffer vereinte mehrere zentrale Prinzipien, die Teamchef Rangnick sehen will: Vertikales Andribbeln, Tempo mit Ball nach vorne, ein Lauf hinter die Abwehr und eine saubere Besetzung des Strafraums. Rangnick bezeichnete derartige Aktionen später als einen der größten Fortschritte gegenüber dem Israel-Spiel.

Patrick Wimmer war dabei die wichtigste „vertikale Waffe“. Sobald der Kosovo seine letzte Linie etwas höher positionierte, suchte Österreich gezielt den Raum hinter dem linken Wingback bzw. dem äußeren Innenverteidiger. Wimmer brachte mit seinen Antritten genau jene Geschwindigkeit ein, die Rangnicks Fußball benötigt.

Wanner bringt Kreativität zwischen die Linien

Paul Wanner gab dem österreichischen Zentrum zusätzlich eine andere spielerische Komponente. Während Schlager vor allem Dynamik und Intensität einbrachte, bewegte sich Wanner geschickt zwischen den Linien und suchte häufiger Kombinationen in engen Räumen.

Diese Rollenverteilung machte Österreich weniger berechenbar und brachte die Flexibilität in einen zentralen Raum, die zuletzt häufig fehlte. Seiwald hielt die Position, Schlager konnte mit Wucht nach vorne stoßen und Wanner suchte technische Lösungen in höheren Zonen.

Der Kosovo reagierte zur Pause mit drei Wechseln und wurde kurzzeitig gefährlicher. Besonders Edon Zhegrova sorgte nach seiner Einwechslung für zusätzliche Qualität auf der rechten Seite. Nach einer seiner Hereingaben kam Muriqi in der 51. Minute zu einer guten Kopfballchance, doch Zawieschitzky reagierte stark.

Genau in dieser Phase zeigte sich, warum Rangnick trotz der überzeugenden Gesamtleistung noch Verbesserungspotenzial sieht. Österreich verteidigte nach überspieltem Pressing nicht immer sauber und die großen Chancen waren statistisch betrachtet sogar ausgeglichen. Der Kosovo kam ebenfalls auf drei sogenannte Großchancen.

Die Wechsel erhöhen das Niveau

Nach knapp einer Stunde brachte Rangnick Sasa Kalajdzic, Carney Chukwuemeka und Alexander Prass. Nur wenige Minuten später fiel bereits das 3:0.

Kalajdzic beteiligte sich an der Kombination, Wanner drang in den Strafraum ein und Chukwuemeka reagierte nach der Hereingabe am schnellsten. Wieder entstand der Treffer nicht aus langem statischem Ballbesitz, sondern durch eine dynamische Aktion mit mehreren technisch sauberen Kontakten in hohem Tempo.

Gerade diese Phase war auch ein gutes Zeichen für die neue Kaderbreite. Trotz sechs Veränderungen gegenüber Israel und weiterer Wechsel während des Spiels ging kaum Struktur verloren. Mit Chukwuemeka kam zudem ein Spieler von der Bank, der unmittelbar traf, während der erst 18-jährige Vasilije Markovic später ebenfalls sein Debüt feiern durfte – und somit auch künftig definitiv für Österreich auflaufen wird. Eine weitere sehr erfreuliche Randnotiz des gestrigen Länderspielsiegs.

Zahlen bestätigen den verdienten Sieg

Die nackten Daten zeigen kein komplett einseitiges Spiel: Österreich hatte 52 Prozent Ballbesitz und führte bei den Abschlüssen lediglich mit 11:6. Deutlicher war jedoch die Qualität der Abschlüsse. Sechs österreichische Schüsse kamen aufs Tor, beim Kosovo war es nur einer aus dem Spiel heraus. Die Expected-Goals-Werte lagen bei 1.83 : 1.39, wobei der kosovarische Wert durch den späten Elfmeter deutlich erhöht wurde. Beim Expected-Goals-on-Target-Wert (xGOT) lag Österreich mit 2.92 : 0.76 klar vorne. Auch die Strafraumkontakte gingen mit 28:13 an die Gastgeber. Die ÖFB-Elf hatte somit die deutlich höhere Abschlussqualität auf ihrer Seite.

Österreich zeigte am Sonntagabend genau jene kurzfristige Entwicklung, die Rangnick nach dem ersten Nations-League-Spiel gegen Israel gefordert hatte. Das Pressing war aggressiver, die Abstände passten besser und vor allem nach Ballgewinnen wurde wesentlich schneller nach vorne gespielt. Noch gibt es Momente, in denen die hohe Positionierung nach überspieltem Druck gefährlich werden kann. Gegen stärkere Gegner würden derartige Situationen sicher härter bestraft werden.

Gegen den Kosovo überwogen allerdings klar die positiven Aspekte. Trotz zahlreicher Wechsel wirkte die Mannschaft nicht wie eine zusammengewürfelte Elf, sondern erstaunlich eingespielt. Nach zwei Siegen aus den ersten beiden Nations-League-Partien steht Österreich damit nicht nur tabellarisch ausgezeichnet da – auch spielerisch war das 3:1 der bislang überzeugendste Auftritt des neuen Länderspieljahres. Der Druck für das bevorstehende Auswärtsspiel in Irland ist für das Nationalteam demnach nicht sehr hoch – auf Sieg wird man allerdings auch in Dublin spielen. Nachdem die Iren gegen Israel mit 3:0 gewinnen konnten, wartet im nächsten Spiel aber definitiv die anspruchvollste Aufgabe auf die Rangnick-Elf.