Nationalteam

ANALYSE: Österreich erkämpft sich Big Points in Bosnien-Herzegowina

Nach dem knappen 1:0-Arbeitssieg gegen Zypern, ging es für das österreichische Nationalteam mit der nächsten kniffligen Aufgabe weiter. Man reiste zum Gastspiel nach Bosnien, wo man im „Hexenkessel“ von Zenica gegen eine hochmotivierte bosnische Mannschaft antreten musste. Es stand dabei auch viel auf dem Spiel, ging es doch nicht nur gegen den aktuellen Tabellenführer, sondern auch den direkten Konkurrenten um den Gruppensieg. Daher sprach man im Vorfeld auch von einem „Sechs-Punkte-Spiel“ und das nicht zu Unrecht.

Bosnien startet aggressiv und kampfstark

Im Vorfeld der Partie war man gespannt, für welche Veränderungen in der Mannschaft sich Teamchef Ralf Rangnick entscheiden würde, nachdem man gegen Zypern zuletzt kein gutes Spiel machte. Letztlich gab es zwei Veränderungen: Schmid und Gregoritsch rutschten für Wimmer und Arnautovic in die Mannschaft. Systematisch gab es keine Anpassungen und man lief im gewohnten 4-3-3 auf.

Etwas interessanter wurde es dagegen bei den Bosniern, die gleich fünf Veränderungen im Vergleich zum Erfolg gegen San Marino vornahmen. Für einige Lacher sorgte dabei ein bosnischer Journalist bei der Pressekonferenz der Österreicher, der Ralf Rangnick sinngemäß die Frage stellte, was er von den Bosniern erwarten würde, da sie selber oftmals nicht wissen, was sie von der Mannschaft zu erwarten hätten.

Die Antwort bekam man schon nach wenigen Minuten in der Anfangsphase serviert: Die Gastgeber stellten sich zunächst in einem klassischen 4-4-2 auf, mit zwei engen Viererketten und der Doppelspitze an vorderster Front bestehend aus Stuttgart-Legionär Demirovic und Altstar Edin Dzeko.

Gegen den Ball setzten die Bosnier zunächst auf ein klassisches Mittelfeldpressing. Die Doppelspitze Demirovic und Dzeko bildete die erste Pressinglinie und konzentrierte sich dabei darauf, den Sechserraum der Österreicher zu blockieren und den Spielaufbau auf die Flügel zu leiten. Wenn das geschah, lief ein Stürmer den ballführenden österreichischen Verteidiger an und versuchte ihn unter Druck zu setzen.

Das kann man am folgenden Bild gut erkennen:

Österreich im Spielaufbau. Die zwei Viererketten von Bosnien ziehen sich in die eigene Hälfte zurück, während die beiden Stürmer einerseits versuchen den Sechserraum zu blockieren und andererseits gleichzeitig den Aufbau von Österreich auf die Seite zu lenken.

In den ersten 10 bis 15 Minuten klappte es überraschenderweise aus Sicht der Bosnier, dass man immer wieder lange Bälle der Österreicher nach vorne provozierte. Überraschend war es deshalb, da wie man dem ersten Bild entnehmen kann, die Gäste oftmals eine Vier-gegen-Zwei-Überzahlsituation vorfanden, aber diese nicht sauber ausspielen konnten. In der eigenen Hälfte zeigten die Bosnier dann ihre physische Präsenz und Aggressivität, mit der sie die Bälle verteidigten.

Hier ließen sich die Gäste in der Anfangsphase zunächst etwas von der Hektik des Spiels anstecken und es fehlte an der notwendigen Ruhe. So schenkten die Mannen von Teamchef Rangnick die Bälle recht leichtfertig her und gab man den Gastgebern die Möglichkeit Ballgewinne zu forcieren und nach vorne umzuschalten. In der Offensive holten die Bosnier hier bereits früh einige Standardsituationen heraus und bedrohten damit den Strafraum der Österreicher.

Österreich findet seinen Spielrhythmus

Nach der hektischen Anfangsphase gelang es den Gästen allerdings, nach und nach das eigene Spiel zu beruhigen und mehr Struktur aufzubauen. Im Spielaufbau hatte man eigentlich die richtigen Mittel, um die erste Pressinglinie des Gegners mühelos zu umspielen, indem man einen der beiden Sechser (meist Seiwald) in die Abwehrkette abkippen ließ, um eine Überzahl gegen die beiden Stürmer zu generieren. Hier wollten die Österreicher vor allem Kapitän Alaba im Spielaufbau eine offensive, attackierende Rolle ermöglichen und dieser sollte von einer breiten Position aus mit diagonalen Bällen das Spiel nach vorne eröffnen. Das gelang dann auch immer wieder, wie man anhand der nächsten Aufbausequenz nachvollziehen kann:

Österreich im Spielaufbau, man bildet eine Dreierkette, da „Sechser“ Seiwald zwischen die Innenverteidiger und zurück in die Abwehrkette abkippt. Das ermöglicht es Innenverteidiger Alaba sich sehr breit zu positionieren und entweder nach vorne zu dribbeln oder den vertikalen/diagonalen Pass nach vorne zu spielen. In der Szene entscheidet sich der Kapitän für den diagonalen Pass…

…und findet im Zwischenlinienraum den eingerückten Sabitzer (roter Strich), der sich aufdrehen kann und sofort das Spiel auf die ballferne Seite verlagert. Dadurch kommen die Gäste mit nur drei Pässen nach vorne und führen einen schnellen Angriff durch.

Diese Aufbausequenz war für die Bosnier dann auch ein Warnsignal und man begann, die Pressinglinie noch weiter nach hinten zu verlagern und sich mit dem gesamten Mannschaftsverbund in der eigenen Hälfte zu positionieren, um die Räume noch besser zu verdichten.

Das führte dann in weiterer Folge dazu, dass bedingt durch das tiefere Verteidigen, aus dem 4-4-2 der Bosnier, oftmals eher ein 5-3-2 wurde, da der ehemalige Salzburger Dedic in die Abwehrkette zurückrückte, um die letzte Verteidigungslinie zu verstärken. Aus Sicht der Österreicher konnte man das als ersten Teilerfolg verbuchen, da man dadurch zunehmend die Kontrolle des Spiels erlangte und in Ruhe die Defensivreihe der Gastgeber bespielen konnte.

Kaum Lösungen gegen dichtes bosnisches Abwehrbollwerk

Nun war Österreich allerdings gefragt, spielerische Lösungen gegen einen tiefstehenden Gegner zu kreieren. Und hier wurde es aus Sicht der Gäste problematisch. Hier muss zunächst auch ein Lob an die Bosnier ausgesprochen werden, die enorm leidenschaftlich und diszipliniert ihre Spielhälfte verteidigten. Die Zweikampfführung war hart und man nahm immer wieder bewusst Fouls in Kauf, um den Rhythmus der Österreicher zu stören und Zeit zu bekommen, sich neu zu formieren. Die defensive Organisation war ebenfalls gut und man kann im nächsten Bild nachempfinden, wie kompakt die Gastgeber agierten:

Österreich im Ballbesitz, Bosnien zieht sich nach der Anfangsphase in die eigene Hälfte zurück und formiert sich gegen den Ball zu einer klaren 5-3-2-Formation, mit der man sowohl die Breite des Feldes abdeckt, als auch im Zentrum genug Ressourcen hat und die Abstände zueinander eng sind.

So war es für die Österreicher unheimlich schwierig, die „Lieblingszone“ im Zentrum zu bespielen und durchzukommen. Der eigene Zielspieler Gregoritsch wurde von den gegnerischen Innenverteidigern und Sechsern gut bewacht und so war es für die Mannen von Teamchef Rangnick schwer, die Bälle in dieser Zone zu sichern, geschweige denn sich durchzukombinieren. So rückte der Fokus klarerweise auf die Flügelzone, wo allerdings das eigentliche große Problem zu verorten war.

Gegen solch einen tiefstehenden Gegner braucht es gerade in diesem Bereich Akteure, die auch mal ein Eins-gegen-Eins gewinnen können und so Löcher im gegnerischen Abwehrverbund aufreißen.

Diese Komponente gab es im Spiel der Österreicher gar nicht. Besonders schlimm war es auf der linken Seite, die praktisch nicht vorhanden war und keinen offensiven Mehrwert zum Spiel beisteuerte. Immer wieder drehten hier sowohl Sabitzer, als auch Mwene ab und verschleppten das Spiel, da sie durch ihre inverse Herangehensweise wieder zurück in die Mitte gingen. Auf der anderen Seite fühlte sich aber auch Romano Schmid am Flügel nicht wirklich wohl und ist ebenfalls eher ein Zentrumsspieler, weshalb er ebenfalls quasi kein Faktor war. So war es bezeichnend, dass einzig von Rechtsverteidiger Laimer so etwas wie Durchschlagskraft über den Flügel kam.

Dadurch wirkte das österreichische Spiel behäbig und man spielte viel um den Block herum, kam aber kaum in die gefährlichen Zonen hinein. Daher resultierte auch wenig überraschend die beste Chance im ersten Durchgang aus einer einstudierten Freistoßvariante, bei der Lienhart letztlich aus guter Position kläglich vergab. Somit ging es mit einem 0:0 in die Halbzeitpause.

Ein schneller Doppelschlag bringt Feuer ins Spiel

Nach dem Wiederanpfiff gab es bei den Österreichern keine personellen Veränderungen. Man versuchte weiterhin mit ähnlichen Mitteln im Offensivspiel zum Erfolg zu kommen. Man probierte nun etwas genauer das Zentrum und den ballfernen Raum zu bespielen und noch aggressiver ins Gegenpressing zu gehen, um Bälle schneller zurückerobern zu können.

Das führte diesmal auch recht schnell zum Erfolg, denn Baumgartner spielte Gregoritsch frei, dessen Hereingabe über Umwege bei Sabitzer landete, ehe dieser mit einem tollen Volleyschuss das 1:0 für die Österreicher besorgte.

Der Jubelschrei über den erzielten Treffer der Gäste war nicht mal richtig verstummt, ehe den Gastgebern der Ausgleich gelang. Gregoritsch verlor unnötigerweise in der Vorwärtsbewegung den Ball, die Bosnier schalteten über die Doppelspitze schnell um, ehe Demirovic mit einem punktgenauen Zuspiel Altstar Dzeko bediente, der sich die Chance zum 1:1 nicht nehmen ließ und von Lienhart nicht entscheidend genug gestört werden konnte.

Nach diesen beiden Treffern nahm die Intensität und Härte in diesem Spiel nochmal etwas zu und beide Teams schenkten einander nichts. Die Österreicher versuchten weiterhin vor allem über den linken Halbraum nach vorne zu kommen, wo entweder Alaba oder einer der beiden Sechser oftmals mit Diagonalbällen die ballferne Seite suchten, um die Bosnier aufzureißen. Das gelang nun auch konstanter, wodurch das Offensivspiel etwas flüssiger wurde.

Rangnick wechselt den Lucky Punch ein

Teamchef Rangnick nahm dann recht zügig sogar einen Dreifachwechsel vor und versuchte für neue Impulse zu sorgen. Es kamen Grillitsch, Wimmer und Arnautovic ins Spiel und sollten für neue Facetten sorgen. Während Arnautovic als rein personeller Tausch zu sehen war, sollte mit Grillitsch mehr Balance und Struktur ins Spiel gebracht werden und er positionierte sich auch mal im rechten Halbraum, während Wimmer von der rechten Seite für mehr Dynamik und Durchschlagskraft sorgen sollte. Ironischerweise sollte es auch keine fünf Minuten dauern, ehe alle drei Spieler eine Hauptrolle bei der abermaligen Führung übernahmen.

Grillitsch und Wimmer kombinierten sich gemeinsam mit Baumgartner und Laimer auf der rechten Seite nach vorne, ehe der Querpass zu Arnautovic kam, dessen abgefälschter Schuss mit etwas Glück vor den Füßen des durchstartenden Laimer landete und dieser aus wenigen Metern das 2:1 besorgen konnte. Das Resultat war zwar etwas glücklich, aber der Prozess davor dürfte ganz nach dem Geschmack von Teamchef Rangnick gewesen sein, der mit den Wechseln diesen Impuls erst ermöglichte.

Alaba und Co. nehmen den Kampf auf

Mit der Führung im Rücken war allerdings klar, dass nun die Bosnier gefragt sein würden und das Risiko erhöhen mussten. Das war dann auch nach und nach der Fall, wobei die Mittel der Gastgeber nahezu ausschließlich in Richtung Brechstange gingen. Das war auch wenig verwunderlich, hatte man doch mit Demirovic und Dzeko zwei physische Zielspieler im Zentrum, die unangenehm zu verteidigen waren.

Allgemein muss man in dieser Hinsicht allerdings den Österreichern ein großes Kompliment aussprechen. Über weite Strecken der Partie nahm man diesen physischen Kampf bedingungslos an. Statt über die harte Gangweise des Gegners zu lamentieren oder sich zu beschweren, konterte man diese einfach mit der eigenen Physis und warf alles in die Zweikämpfe hinein.

Das konnte man auch trefflich anhand der Foulstatistik erkennen, bei der die Österreicher mit 21:16 letztlich sogar die Nase vorne hatten. Das war zwar in der eigenen Hälfte nicht immer die klügste Vorgehensweise und man musste dadurch viele Standardsituationen der Bosnier verteidigen, was unangenehm und mitunter brenzlig war, es war allerdings im Gesamtkontext der Partie und im hitzigen Umfeld in Zenica notwendig sich zu wehren und auch den Gegner spüren zu lassen, dass man sich nicht unterkriegen lässt. Da man die Standardsituationen des Gegners relativ gut verteidigte, konnte man Schlimmeres vermeiden.

Dazu ging den Bosniern aufgrund der physischen Spielweise zunehmend die Kraft aus und gab es spielerisch wenige Ideen, weshalb man aus dem Spiel heraus auch kaum gefährlich wurde. Dadurch brachten die Österreicher das knappe 2:1 über die Zeit und fuhren damit den wichtigen Auswärtssieg in Bosnien ein, der im Hinblick auf die WM-Qualifikation Gold wert sein kann.

Dalibor Babic, 12termann.at