Wer wird Torschützenkönig bei der WM 2026?
Kylian Mbappé ist für die meisten Buchmacher der naheliegende Favorit auf den Goldenen Schuh der WM 2026. Er gewann diese Wertung bereits 2022, hat seine Qualität auf höchstem Turnierniveau mehrfach bewiesen und ist weiterhin einer der gefährlichsten Angreifer der Welt. Wer nur nach individueller Klasse geht, landet schnell beim französischen Kapitän.
Bei einer Weltmeisterschaft reicht individuelle Klasse alleine aber selten aus. Entscheidend ist, wie oft und auf welcher Position ein Spieler beginnt, wie viele Minuten er bekommt, ob er Elfmeter schießt und wie weit seine Mannschaft kommt. Ein Angreifer kann technisch herausragend sein, aber trotzdem schlechtere Chancen auf den Goldenen Schuh haben, wenn sich die Tore im Team auf viele Spieler verteilen oder seine Einsatzzeiten dosiert werden.
Die Endrunde kommt mit großen Schritten näher und viele fans fragen sich: Wer wird WM Torschützenkönig 2026? Es gibt gute Argumente dafür, dass Harry Kane der spannendste Kandidat ist. Er ist bei England der Fixpunkt im Angriff, spielt im Zentrum, ist erster Elfmeterschütze und bekommt in fast jeder Partie Situationen, in denen er selbst abschließen kann. Dazu kommt eine Gruppe mit Kroatien, Ghana und Panama, in der England gegen zumindest zwei Gegner klar dominant sein sollte und viele Strafraumszenen erwarten darf.
Der neue Modus könnte für mehr Tore sorgen
Die jüngeren Gewinner des Goldenen Schuhs waren unterschiedliche Spielertypen. Mbappé 2022 kam oft über Dynamik und Tiefenläufe, Kane 2018 profitierte stark von seiner Mittelstürmer- und den Strafstößen, James Rodríguez 2014 war ein offensiver Mittelfeldspieler mit außergewöhnlicher Effizienz und einem starken Lauf. Miroslav Klose wiederum ein klassische Strafraumstürmer.
Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten. Diese Spieler hatten klare Rollen, waren in ihren Mannschaften natürlich fest eingeplant und kamen auf genügend Spiele, da auch die Qualität ihrer Teams sehr hoch war. Genau das ist für diese Wertung entscheidend. Wer in der Gruppenphase trifft und danach mit seiner Mannschaft ins Viertel- oder Halbfinale kommt, hat einen erheblichen Vorteil gegenüber Spielern, die früh ausscheiden, weshalb beispielsweise Lewandowski nie ein ernsthafter Kandidat für diesen Titel war.
Der neue Modus verstärkt diesen Effekt allerdings noch weiter. Durch die Erweiterung auf 48 Teams gibt es erstmals ein Sechzehntelfinale. Ein Finalist kann also bis zu acht Spiele absolvieren. Das erhöht die Chancen der Spieler aus Topnationen, vor allem dann, wenn sie auch gegen schwächere Gegner in der Startelf stehen. Fünf oder sechs Tore könnten weiterhin reichen, wahrscheinlicher ist aber, dass der Sieger eher sieben, acht oder neun Treffer benötigen wird. Immerhin sinkt mit der Erhöhung des Teilnehmerfelds auch das durchschnittliche Niveau zwangsläufig.
Warum Mbappé nicht automatisch die beste Wahl ist
Mbappé bleibt ein hervorragender Kandidat. Frankreich gehört zum engsten Favoritenkreis und der Stürmer ist immer für einen Treffer gut. Seine Dynamik, Geschwindigkeit, der Abschluss und die Turniererfahrung machen ihn zu einem Spieler, der jederzeit mehrere Tore in kurzer Zeit erzielen kann.
Der kleine Zweifel liegt in der Rollenverteilung. Frankreich hat viele hochwertige Offensivoptionen. Mbappé kann links, zentral oder in einer freien Rolle eingesetzt werden. Das gibt dem Trainer Optionen, bedeutet aber nicht automatisch, dass er in jedem Spiel der klassische Zielspieler im Strafraum ist. Didier Deschamps kann zudem früh wechseln, Belastung steuern und Spiele auch pragmatisch angehen. Er dosiert gerne das Tempo, zügelt manchmal seine Schützlinge, die ihre individuelle Qualität dem Kollektiv unterordnen sollen. Dazu kommt, dass er bei Real Madrid zwar wie am laufenden Band traf, aber dennoch bei den Fans zu den Spielern zählt, die am lautesten kritisiert werden. Diese schwierige Situation könnte im Hinterkopf bleiben und sich eventuell auch ein wenig negativ auf die Leistungen auswirken. Weiters muss man auch seinen Mitspielern, allen voran Ousmane Dembélé, Michael Olise, Marcus Thuram und jungen Talenten wie Désiré Doué zutrauen, dass sie bei dem Turnier regelmäßig treffen können. Die Tore könnten sich auf mehreren Schultern verteilen.
Es spricht nicht viel gegen Kane
Deshalb könnte Harry Kane die bessere Wahl sein. Die Offensive der Engländer ist noch stärker auf ihn zugeschnitten. Wenn England angreift ist es meistens der Plan Kane in eine Abschlussposition zu bringen. Er lässt sich fallen, verbindet das Mittelfeld mit dem Angriff und rückt danach wieder in den Strafraum nach. Dadurch ist er nicht nur Endabnehmer, sondern auch Ausgangspunkt vieler gefährlicher Angriffe.
Gerade diese Doppelrolle macht Kane so interessant. Wenn er sich zwischen die Linien fallen lässt, muss die gegnerische Innenverteidigung reagieren. Folgt ihm ein Verteidiger, entsteht Raum hinter der Kette. Bleibt die Abwehr stehen, kann Kane aufdrehen, den Ball verlagern oder einen nachrückenden Spieler einsetzen. Jude Bellingham ist in solchen Situationen besonders wertvoll, weil er genau jene Räume attackieren kann, die Kane öffnet.
Kane verliert durch diese Bewegungen nicht seine Strafraumpräsenz. Er ist weiterhin der Spieler, der bei Flanken, Kombinationen, zweiten Bällen und Standards am häufigsten in gefährliche Positionen kommt.
Die Alternativen
Erling Haaland hat vom Spielertyp her fast alles, was ein Torschützenkönig braucht. Er ist Mittelstürmer, extrem effizient und klarer Zielspieler. Sein Problem ist der Turnierweg Norwegens. Gegen stärkere Gegner wird er weniger Ballbesitz und weniger Strafraumszenen bekommen als Kane oder Mbappé. Norwegen ist zwar ein gefährlicher Außenseiter, es ist aber nicht gesagt, dass die Mannschaft tief ins Turnier vordringen wird.
Lamine Yamal kann eine große WM spielen, ohne Torschützenkönig zu werden. Als Flügelspieler bindet er Gegner, bereitet Chancen vor und kommt selbst zum Abschluss. Seine Rolle ist aber nicht jene eines klassischen Endabnehmers. Bei Spanien verteilen sich die Tore auf mehrere Spieler.
Mikel Oyarzabal und Lautaro Martínez sind die interessantesten Kandidaten aus der zweiten Reihe. Beide spielen in starken Mannschaften, beide können zentrale Abschlussrollen übernehmen. Bei ihnen ist die Frage, ob sie über das gesamte Turnier hinweg genug Minuten und genug klare Abschlüsse bekommen.
