Taktikanalyse: Österreich kämpft starke Jordanier nieder
Mit einem hart erkämpften 3:1-Sieg über Jordanien glückte der WM-Auftakt für die österreichische Nationalmannschaft, die damit zum ersten Mal seit dem 2:1 über die USA vor 36 Jahren in Italien ein Spiel bei einer WM-Endrunde gewann.
Rangnick überrascht mit Startelf
Teamchef Ralf Rangnick überraschte durchaus mit seiner Aufstellung, die auch davon geprägt war, dass der Respekt vor dem jordanischen Team sehr groß zu sein schien. Erst gestern analysierten wir, dass ein Dreier-Mittelfeld bestehend aus Seiwald, Schlager und Laimer wohl eher für größere Gegner in Frage käme, um eine stärkere Gegenpressingpräsenz im Mittelfeldzentrum zu schaffen.
Rangnick nutzte dieses System allerdings nun schon gegen den krassen Gruppen-Underdog Jordanien und brachte zudem überraschenderweise Sasa Kalajdzic als Solospitze, während Marko Arnautovic nur auf der Bank saß.
Wilde Anfangsphase mit geringer Positionstreue
Die Anfangsphase der Partie in San Jose verlief ausgesprochen wild und die realtaktische Ausrichtung der Österreicher war nicht auf den ersten Blick erkennbar. Die ÖFB-Elf agierte mit einer hohen Positionsuntreue und unterschiedlichen Aufbaumechanismen. Teilweise aus einer Dreierkette heraus, in der Posch einen dritten Innenverteidiger gab, während Mwene auf der ballfernen Seite weit nach vorne schob, dann aber doch wieder aus einer Viererkette mit Seiwald als abkippenden Sechser.
Immer wieder Versuche, die Staffelung zu flexibilisieren
Auch die Staffelung im Zentrum wechselte praktisch sekündlich. Mal ließ sich Laimer etwas weiter zurückfallen, dann presste wieder Schlager höher und Kalajdzic antizipierte auf einer relativ tiefen Position. Hinzu kam, dass die beiden etatmäßigen Flügel Sabitzer und Schmid zusätzlich immer wieder einrückten, um Halbpositionen einzunehmen, wodurch die Flügel häufig den Außenverteidigern überlassen wurden. Dies war auch einer der Gründe, warum etwa Stefan Posch ein riesiges Laufpensum abspulen musste.
Überraschend kämpferische Jordanier
Womit die Österreicher allerdings nicht zu rechnen schienen, war die immense Gegenwehr der stark auftretenden jordanischen Mannschaft. Diese agierte aus einem 3-4-2-1-System heraus, in der die beiden offensiven Mittelfeldspieler Fakhouri und Tamari zwischen Zentrum und Flügel pendelten, während Olwan erwartungsgemäß die Solospitze gab.
Diese Offensivkonstellation war wohl auch ein Grund dafür, dass Österreich gegen den Ball in einer 4-4-2-Anordnung presste, wobei Laimer als erster Anläufer in die vorderste Reihe rückte und sich Sabitzer und Schmid weiter zurückfallen ließen, um die Abstände zu ihren Hintermännern nicht zu groß werden zu lassen.
In anderen Szenen wiederum presste Österreich zu viert oder zu fünft im letzten Drittel an und verzichtete dabei wieder auf Positionstreue, sondern praktizierte ein typisches Red-Bull-artiges Balljagen, wie man es von Ralf Rangnicks Teams kennt.
Österreich musste permanent zweikämpfen
Da es die Jordanier aber hervorragend verstanden, die Räume eng zu machen, konnte Österreich vor allem im Mittelfeldzentrum nie die gewünschte Kontrolle erlangen und Ballstafetten laufen lassen, sondern wurde praktisch immer in Zweikämpfe verwickelt und konnte sich aus dieser Enge nur sehr schwer befreien.
Ein weiteres Problem war dabei auch, dass der Spielaufbau teilweise zu behäbig ausfiel und die Jordanier so relativ einfach mitschieben bzw. neu staffeln konnten. Als eines der Pressing-Opfer hatte der Gegner Xaver Schlager auserkoren, der zwar häufig den Ball bekam, aber nur selten etwas damit anzufangen wusste, zu wenig Kreativität an den Tag legte und schließlich auch die nötigen Aufdrehbewegungen vermissen ließ.
Schlagers trügerische Statistiken
Die Statistiken von Xaver Schlager sind ein gutes Zeichen dafür, dass bloße Zahlen nicht immer positiv bewertet werden müssen. Schlager kam auf eine Passquote von knapp 96% und bereitete mit einem einfachen kurzen Pass auch den ersten Treffer Österreichs durch Romano Schmid vor. Aber die Kehrseite war die, dass seine positiven Passwerte auch damit zusammenhängen, dass er sehr wenig progressiv agierte, sondern eher in die Breite und zurückspielte. Überraschenderweise gewann der Leipzig-Motor auch nur 44% seiner Bodenzweikämpfe.
Seiwald und Laimer wurden „in Ruhe“ gelassen
Bei Seiwald wussten die Jordanier, dass er ein Mann für die einfachen Lösungen ist und deswegen relativ wenige Fehler begeht. Deshalb ließ man ihn im Aufbau auch abkippen, ohne ihm einen Kettenhund zur Seite zu stellen. Stattdessen stellte man das Zentrum zu und lauerte auf Mittelfeldpressingmomente.
Laimer wiederum positionierte sich etwas höher und konnte dadurch auch durch herausschiebende Innenverteidiger attackiert werden. Somit wurde auch er nicht konsequent zugestellt, sondern eher überfallsartig attackiert. Das Problem war hier, dass die Wege, die Österreich mit dem Ball zurücklegte, bis man bei Laimer ankam, zu weit waren und oft zu lange dauerten, sodass Jordanien sich einfach anhand von guter Teamkommunikation von Situation zu Situation neu anpassen konnte.
Schmid glänzt mit Tor, Österreich bringt aber keinen Rhythymus rein
In der ersten Halbzeit war schließlich der hervorragende Abschluss von Werder-Legionär Schmid der prägende Moment. Denn im Anschluss an die „Hydration Break“ konnte Österreich mit dem Führungstreffer im Rücken kaum überzeugen oder eine merkliche Selbstverständlichkeit ins technische Spiel bringen. Vielmehr gelang es den Jordaniern das Spiel weitgehend zu stabilisieren und mit dem 0:1-Pausenrückstand die Chance zu wahren, positiv aus der Kabine kommen zu können.
Arnautovic kommt, Jordanien übernimmt das Momentum
Zur Halbzeit vollzog Ralf Rangnick einen logischen, positionsgetreuen Wechsel und brachte Marko Arnautovic anstelle von Kalajdzic. Ein Wechsel, der möglicherweise sogar geplant war. Der Roter-Stern-Legionär sollte mehr offene Räume und Tiefe suchen, anstatt die Bälle festzumachen, um nachrückende Spieler in Szene setzen zu können.
Aber Jordanien schaffte schon in den ersten Minuten des zweiten Durchgangs genau das, was man sich vorgenommen hatte. Nachdem man Österreich in der ersten Halbzeit weiterhin nicht das Spiel aufziehen ließ, das man eigentlich mit dem Ball geplant hätte und das 0:1 nicht zum Anlass für irgendwelche taktischen Änderungen, etwa in der Spielhöhe, nahm, nutzte man ein gutes Vorankommen in die gegnerische Hälfte schnell zum Ausgleich.
Ali Olwan kopierte quasi Schmids Tor und glich für die Mannschaft von Jamal Sellami aus. Dadurch konnte Jordanien das Spiel in den nächsten Minuten auf seine Seite ziehen und wirkte sogar so, als würde man Oberhand gewinnen.
Rangnick wechselt dreifach und stellt um
Rangnick reagierte allerdings rechtzeitig und wechselte bereits in der 59. Minute dreifach. Mit Mwene, Alaba und Schlager gingen drei Spieler raus, die allesamt keinen bleibenden Eindruck hinterließen, vor allem was die Entscheidungsfindung und die Kreativität betraf.
Rangnick setzte stattdessen allerdings nicht starr auf ein bestimmtes Spielerprofil, sondern brachte drei unterschiedliche Typen: Mit Paul Wanner kam ein Spieler mit großer Übersicht, Kevin Danso sollte Österreich wohl unter anderem bei Standardsituationen stabilisieren bzw. offensiv gefährlicher machen. Bei Carney Chukwuemeka erhoffte man sich dynamischere Antritte und mehr Aufdrehbewegungen als von Xaver Schlager, sowie inverse Läufe.
Eine Viererkette, die nur selten eine war
Das Paradoxon dabei war, dass Rangnick somit „irrtümlich“ die Viererkette auflöste und auf eine Dreierabwehr umstellte und dies auf Kosten der Außenverteidiger machte. Posch rückte eher auf die Position des Halbverteidigers, die linke Seite wurde zumeist alleine von Marcel Sabitzer beackert und rechts rochierten Chukwuemeka und Schmid.
Etatmäßig spielte Laimer auf der linken Abwehrseite, aber durch sein intensives Aufziehen und Einrücken musste Danso in einigen Fällen dann so nach außen ziehen und absichern, sodass sich realtaktisch häufig die Dreierkette ergab. Laimers neue Rolle war für Österreich aber zentral, weil er nun das Spiel vor sich hatte und deutlich flexibler agieren konnte, als im Zentrum. Diese Freigeistrolle war für die Jordanier deutlich schwieriger zu verteidigen.
Die Rollen in der Restverteidigung sollten nun noch mehr nach außen rückende Halbverteidiger einnehmen, wenn Jordanien es schaffen würde zu kontern. Die Außenpositionen waren nun deutlich flexibler.
Ewig scheinende Unterbrechung durch VAR und „Werbung“
Und man sah recht schnell, dass diese Idee Früchte tragen könnte, zumal Österreich ab den Wechseln wieder etwas besser in die neuralgischen Räume kam. Kurioserweise war es schließlich aber eine Standardsituation, die das Spiel mental in Richtung der Österreicher kippen ließ. Marko Arnautovic’ Tor aus einem Gestocher wurde aber wegen eines vorangegangenen Handspiels aberkannt.
Österreich erzwingt das Glück
Unmittelbar nach einem langen VAR-Check, musste man in die als Trinkpause verkaufte Werbepause gehen. Für Jordanien war dies eigentlich eine gute Situation, zumal man so eine heiße Phase mit Vorteilen für die Österreicher durchtauchen konnte.
Aber Österreich bewies, dass das Erzwingen des Erfolgs unter Ralf Rangnick eindeutig zu den Stärken des Teams zählt: Unmittelbar nach der langen Unterbrechung führte eine neuerliche Ecke zum 2:1 für Österreich, weil Marko Arnautovic den Eigentorschützen Yazan Al Arab entscheidend bedrängte.
ÖFB-Elf findet endlich Kontrolle am Ball
Mit der neuerlichen Führung im Rücken bekam Österreich nun endlich die Ballsicherheit ins Spiel, die man sich vorgenommen hatte und generierte bis zum Spielende sehr niedrige PPDA-Werte, auch weil man das Spielfeld lang zog und die Jordanier so nicht mehr in die Zweikämpfe kommen ließ.
Hier wurde schließlich sichtbar, dass die Ausdauer des Außenseiters über die gesamte Partie und vor allem in der starken, intensiven Phase nach der Pause auf eine sehr harte Probe gestellt wurde und die Sellami-Elf nach und nach müde wurde.
Zittern dennoch bis zum Schluss
Dennoch trachteten die Österreicher nicht intensiv nach der Entscheidung. Lediglich ein Zufallsprodukt, das vor den Füßen von Anatovic landete, hätte in der 92. Minute für noch mehr Ruhe sorgen können. Stattdessen ging es aber in eine zehnminütige Nachspielzeit, in der Österreich den Gegner dauerhaft laufen ließ und praktisch nichts mehr zuließ.
Erst ein weiterer VAR-Check in der letzten Minute der Nachspielzeit sorgte für einen rot-weiß-roten Elfmeter und die Entscheidung durch den sehr umtriebigen Rekordnationalspieler.
Hart erkämpft, aber verdient
Schlussendlich war der Sieg der Österreicher verdient, auch wenn die Expected-Goals-Zahlen mit 1.69 : 1.15 (WyScout) relativ knapp ausfielen, auch wenn man in Betracht sieht, dass am Schluss noch ein Elfmeter in die Statistik einfloss. Andere Anbieter, wie etwa Fotmob, sahen in ihren Metriken ein klareres Bild und wiesen xG-Zahlen von 1.69 : 0.46 aus.
Die nächsten Spiele werden „anders“
Die Österreicher müssen sich nach dem Auftaktsieg ankreiden lassen, dass man in der Entstehung von Torchancen noch nicht flexibilisiert genug ist. Hier gibt es eindeutiges Verbesserungspotenzial, zumal Jordanien mit einer disziplinierten und kämpferischen Leistung gegen den Ball über weite Strecken keine großen Probleme hatte, Österreich zu verteidigen und zuzustellen.
Demgegenüber steht aber die Situation, dass die nächsten beiden Gruppenspiele völlig andere Partien werden. Gegen Argentinien muss Österreich eher die „jordanische Rolle“ einnehmen und gegen Algerien könnte bereits ein Endspiel anstehen, wobei die Ergebnisse des ersten Spieltags positive Auswirkungen für Österreich haben. Auch das 3:1 tief in der Nachspielzeit könnte für die ÖFB-Elf noch sehr wertvoll werden.
Einfach mal genießen!
Unterm Strich steht nun aber: Einfach mal genießen. Der erste Sieg bei einer WM seit 1990 darf ruhig auch als jenes große Ereignis gefeiert werden, der er ist. Gerade dann, wenn er so hart erkämpft wurde wie dieser. Wenn den Jordaniern im dichten Terminplan nicht die Luft ausgeht, werden sie auch Algerien am nächsten Spieltag vor eine sehr unangenehme und beinharte Aufgabe stellen.
