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Österreichs Testgegner im Check: Ghanas WM-Historie und Gegenwart

Morgen empfängt Österreich im Ernst-Happel-Stadion die ghanaische Nationalmannschaft zu einem Testspiel. Beide Teams haben sich für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko qualifiziert und nutzen das Freundschaftsspiel zur Vorbereitung auf das Turnier im Sommer. Für Österreich ist es ein Test gegen einen afrikanischen Gegner mit langer WM-Erfahrung, für Ghana eine von vier Vorbereitungspartien auf dem Weg nach Nordamerika. Grund genug, den Gegner aus Westafrika genauer unter die Lupe zu nehmen: seine Fußball-Geschichte, seine Erfolge, seinen Weg zur WM-Qualifikation – und die Stimmungslage im Land vor dem Turnier. Morgen sehen wir uns zudem Ghanas Kader und die Schlüsselspieler genauer an.

Die Black Stars

Der Name „Black Stars“ ist weit mehr als ein Spitzname – er ist ein politisches Statement. Das schwarze Sternsymbol auf Ghanas Flagge geht auf Marcus Garvey zurück, den jamaikanisch-amerikanischen Bürgerrechtler und Panafrikanisten, der 1919 die Reederei „Black Star Line“ gründete. Das Symbol stand für schwarzes Selbstbewusstsein und die Befreiung Afrikas vom Kolonialismus. Ghanas erster Präsident Kwame Nkrumah, ein Anhänger von Garveys Ideen, übernahm den schwarzen Stern in die Nationalflagge, als Ghana 1957 als erstes Land südlich der Sahara die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte. Die Fußball-Nationalmannschaft trug den Namen „Black Stars“ ab 1959, als bewusste Verbindung zur panafrikanischen Symbolik des Landes.

Fußball hatte im heutigen Ghana schon lange vor der Unabhängigkeit Wurzeln geschlagen. Europäische Händler brachten den Sport Ende des 19. Jahrhunderts an die westafrikanische Küste, 1903 entstand mit dem Excelsior FC in Cape Coast der erste offizielle Verein. Die Gold Coast Football Association existierte seit den 1920er-Jahren. Nach der Unabhängigkeit 1957 wurde die Ghana Football Association gegründet, 1958 folgte die Aufnahme in die FIFA, 1960 die Mitgliedschaft bei der CAF.

Ein tiefer Einschnitt kam 2018: Der investigative Journalist Anas Aremeyaw Anas deckte in seiner Dokumentation „Number 12“ ein systematisches Korruptionsnetzwerk im ghanaischen Fußball auf. Schiedsrichter und Funktionäre wurden beim Annehmen von Bestechungsgeldern gefilmt. Die Regierung löste den Verband auf, die FIFA setzte ein Normalisierungskomitee ein. Erst im Oktober 2019, mit der Wahl von Kurt Okraku zum neuen GFA-Präsidenten, konnte der Verband seine Arbeit wieder aufnehmen.

Vier Afrika-Cup-Titel und eine goldene Ära

Ghana gehört zu den erfolgreichsten Nationen in der Geschichte des Afrika-Cups. Vier Titel – 1963, 1965, 1978 und 1982 – machen die Black Stars zum dritterfolgreichsten Team des Kontinents hinter Ägypten (7) und Kamerun (5).

Der erste Triumph kam 1963 im eigenen Land, als Ghana im Finale Sudan mit 3:0 besiegte. Trainer war Charles Kumi Gyamfi, der zur prägendsten Trainerfigur der ghanaischen Fußballgeschichte werden sollte. 1965 verteidigte Ghana den Titel in Tunesien mit einem 3:2-Sieg nach Verlängerung gegen den Gastgeber – erneut unter Gyamfi.

1978 holte Ghana als erstes afrikanisches Land den dritten AFCON-Titel. Der 2:0-Finalsieg gegen Uganda sicherte der Mannschaft das Recht, den Originalpokal dauerhaft zu behalten. Trainer war diesmal Fred Osam-Duodu. Der vierte und bislang letzte Titel folgte 1982 in Libyen, wieder unter Gyamfi: Im Finale gegen Gastgeber Libyen setzte sich Ghana nach einem 1:1 im Elfmeterschießen mit 7:6 durch. Gyamfi stellte damit einen Rekord auf, der lange Bestand hatte: drei AFCON-Titel als Trainer.

Neben den vier Titeln war Ghana fünfmal Finalist und blieb ohne Titel – 1968, 1970, 1992, 2010 und 2015 –, ein Rekord an Endspielniederlagen. Auch im Nachwuchs hat Ghana Maßstäbe gesetzt: 2009 gewannen die „Black Satellites“ die U-20-WM in Ägypten, als sie Brasilien im Finale im Elfmeterschießen besiegten – als erstes afrikanisches Team überhaupt. Die U-17-Auswahl holte 1991 und 1995 den Weltmeistertitel.

WM-Geschichte: Vom Debüt bis zum Trauma von Johannesburg

Ghanas WM-Geschichte beginnt 2006 in Deutschland. Die Black Stars reisten mit dem jüngsten Kader des Turniers an und überraschten sofort: Im Gruppenspiel gegen Tschechien – damals unter den Top 10 der Weltrangliste – erzielte Asamoah Gyan in der 2. Minute das allererste WM-Tor der ghanaischen Geschichte. Ghana gewann 2:0 und schlug anschließend auch die USA mit 2:1. Als einziges afrikanisches Team der Gruppenphase zog Ghana ins Achtelfinale ein, wo Brasilien zu stark war.

Vier Jahre später, bei der ersten WM auf afrikanischem Boden in Südafrika, schrieb Ghana die emotionalste Geschichte des Turniers. Trotz des Ausfalls von Michael Essien, ihrem besten Spieler, überstand die Mannschaft die Gruppenphase und besiegte im Achtelfinale die USA mit 2:1 nach Verlängerung – Asamoah Gyans Siegtreffer in der 93. Minute, eine Ballannahme mit der Brust und ein wuchtiger Abschluss, wurde zu einem der ikonischen WM-Tore.

Im Viertelfinale gegen Uruguay folgte dann das, was in Ghana bis heute als Trauma nachwirkt. Sulley Muntari brachte Ghana kurz vor der Pause mit einem Distanzschuss aus rund 40 Metern in Führung. Diego Forlán glich per Freistoß aus. In den letzten Sekunden der Verlängerung, bei einem ghanaischen Freistoß in den Strafraum, blockte Luis Suárez zunächst Stephen Appiahs Schuss mit dem Körper. Beim Nachschussversuch von Dominic Adiyiah griff Suárez mit beiden Händen ein und hielt den Ball auf der Linie. Schiedsrichter Olegário Benquerença zeigte die Rote Karte und gab Elfmeter.

Was dann kam, gehört zu den schmerzhaftesten Momenten der WM-Geschichte: Asamoah Gyan, Ghanas Torjäger und Held des Turniers, setzte den Elfmeter an die Oberkante der Latte. Ghana, das als erstes afrikanisches Team ein WM-Halbfinale hätte erreichen können, musste ins Elfmeterschießen – und verlor dort 2:4. „Wir hatten das Gefühl, dass man uns die Chance geraubt hat, das Halbfinale zu erreichen und Geschichte für unseren Kontinent zu schreiben“, erinnerte sich Rahim Ayew. Suárez jubelte am Tunneleingang, als der Elfmeter verschossen wurde.

2014 in Brasilien endete Ghanas WM in der Gruppenphase – nicht zuletzt wegen eines Disziplinproblems. Sulley Muntari und Kevin-Prince Boateng wurden am Vorabend des letzten Gruppenspiels gegen Portugal nach Hause geschickt und suspendiert. Sportlich spielte Ghana respektabel – ein 2:2 gegen Deutschland mit Toren von André Ayew und Gyan, der gegen Portugal sein sechstes WM-Tor erzielte und damit Roger Millas Rekord als bester afrikanischer WM-Torschütze überholte –, aber die internen Querelen überschatteten alles.

Bei der WM 2022 in Katar lieferte Mohammed Kudus mit zwei Toren beim 3:2-Sieg gegen Südkorea die Einzelleistung des Turniers aus ghanaischer Sicht. Doch am Ende stand erneut das Aus in der Gruppenphase: Nach einer 2:3-Niederlage gegen Portugal und einem 0:2 gegen Uruguay reichte der eine Sieg nicht.

Der Weg zur WM 2026 – vom Krisenmodus zum Gruppensieger

Der Beginn der WM-Qualifikation für 2026 verlief für Ghana alles andere als reibungslos. Unter Trainer Chris Hughton gewannen die Black Stars zwar ihr Auftaktspiel gegen Madagaskar durch ein Tor von Iñaki Williams in der fünften Minute der Nachspielzeit, kassierten dann aber eine 0:1-Niederlage gegen die Komoren – eine Mannschaft, die weit unterhalb von Ghanas Anspruch rangiert. Ghana fiel auf Platz 4 in der Gruppe zurück.

Die Krise verschärfte sich, als Ghana bei der Afrikameisterschaft 2024 in der Elfenbeinküste in der Gruppenphase ausschied. Hughton wurde entlassen. Hinzu kam im November 2024 eine weitere Demütigung: Zum ersten Mal seit 2004 verpasste Ghana die Qualifikation für den Afrika-Cup 2025 – sechs Spiele ohne Sieg in der AFCON-Qualifikation.

Den Wendepunkt brachte die Rückkehr von Otto Addo im März 2024. Addo, der Ghana bereits 2022 zur WM nach Katar geführt hatte und danach zurückgetreten war, übernahm eine Mannschaft auf dem vierten Tabellenplatz, konnte das Blatt aber wenden. Sein erstes Spiel war zugleich das dramatischste: In Bamako lag Ghana gegen Mali zur Halbzeit zurück, bevor Jordan Ayew als Einwechselspieler in der 94. Minute den 2:1-Siegtreffer erzielte.

Unter Addo folgten acht Spiele ohne Niederlage: sieben Siege und ein Unentschieden. Die Mannschaft gewann 5:0 gegen den Tschad, schlug Madagaskar auswärts 3:0 mit einem Doppelpack von Thomas Partey, besiegte Mali zu Hause 1:0 und demontierte die Zentralafrikanische Republik auswärts mit 5:0. Am 12. Oktober 2025 machte Ghana die Qualifikation perfekt: Vor rund 38.000 Zuschauern im Accra Sports Stadium erzielte Mohammed Kudus in der 47. Minute das 1:0 gegen die Komoren.

Die Bilanz der Qualifikation: 25 Punkte aus 10 Spielen (8 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage), 23 erzielte und nur 6 kassierte Tore. Ghana führte die Gruppe I mit sechs Punkten Vorsprung auf Madagaskar an. Bei der Auslosung der WM-Endrunde wurde Ghana aus Topf 4 in Gruppe L gezogen – zusammen mit England, Kroatien und Panama. Otto Addo ist damit der erste Trainer, der Ghana für zwei verschiedene Weltmeisterschaften qualifiziert hat.

Die Erwartungen in Ghana – zwischen Hoffnung und Skepsis

In Ghana wird die WM 2026 mit einer Mischung aus Zuversicht und Vorsicht betrachtet. Trainer Otto Addo hat das Erreichen der K.o.-Runde als Minimalziel ausgegeben und verweist auf Marokkos Halbfinal-Einzug 2022 als Vorbild: „Wir haben bei der letzten WM gesehen, wie gut Marokko abgeschnitten hat. Und wir hoffen, dass wir etwas Ähnliches schaffen können“, sagte er nach der Qualifikation. Gleichzeitig warnte er vor Übermut: „Wir haben nicht die größten Stars. Aber wir können das beste Team werden, wenn wir füreinander arbeiten.“

GFA-Präsident Kurt Okraku gab sich kämpferisch: „Wir fürchten keinen Gegner. Ghana-Fußball wird sich bemerkbar machen.“ Kapitän Jordan Ayew zeigte sich zufrieden mit dem aktuellen Kader: „Ich glaube, wir haben ein gutes Team, und wir verbessern uns stetig. Die Einheit wird besser, alles entwickelt sich.“

Doch es gibt auch kritische Stimmen. George Afriyie, ehemaliger Vizepräsident des Verbandes, forderte die Fans auf, „ihre Erwartungen zu mäßigen“. Der ghanaische Trainer Christopher Nimley ging noch weiter und verlangte Addos Entlassung: „Dadurch, dass wir uns nicht für den Afrika-Cup qualifiziert haben, hatten wir keine Möglichkeit, unser Team vor der WM richtig einzuschätzen. Wir sitzen auf einer Zeitbombe.“ Tatsächlich fehlt Ghana durch die verpasste AFCON 2025 ein Pflichtspiel-Gradmesser vor der WM. Seit der Qualifikation im Oktober 2025 hat die Mannschaft kein Wettbewerbsspiel mehr bestritten.

Die Legende Asamoah Gyan, der als Ehrengast bei der WM-Auslosung dabei war, fasste die Stimmung pragmatisch zusammen: „Auf dem Papier gehört England zu den besten Teams der Welt. Aber ich denke nicht an das Spiel gegen England – ich will einfach, dass Ghana die Gruppenphase übersteht.“ Sein Nachsatz: „Die Qualität ist da. Die Geschichte zeigt, dass Ghana sich dann zeigen kann, wenn es darauf ankommt. Die Spieler brauchen nur Fokus und Überzeugung.“