Bosnien-Trainer: „Wir sind hergekommen, um zu gewinnen“
Heute Abend trifft Bosnien-Herzegowina im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel auswärts auf Österreich. Für die Bosnier ist die Ausgangslage klar: Nur mit einem Sieg löst das Team von Sergej Barbarez das direkte Ticket zur WM 2026 – ein Unentschieden oder eine Niederlage würde Österreich direkt zur Endrunde schicken, Bosnien bliebe nur der Umweg über das Play-off. Wir wollen uns die Stimmen aus Bosnien ansehen. Was sagt der Trainer, was sagen die Medien über das Entscheidungsspiel?
Der bosnische Teamchef Sergej Barbarez sagte bei der Pressekonferenz in Wien: „Taktische Disziplin ist in jedem Spiel wichtig, egal ob gegen die Schwächsten oder die Besten. Wir haben schon einmal gegen Österreich gespielt, kennen sie gut und haben sie analysiert. Wir wollen unser Selbstvertrauen nutzen – wir sind hergekommen, um zu gewinnen und zur Weltmeisterschaft zu fahren.“
Der 54-jährige Barbarez genießt die Ausgangssituation – sie entspreche genau dem Szenario, das er sich erhofft hatte. „Ich habe davon geträumt, im November die Chance auf Platz eins zu haben. Dieser Traum ist wahr geworden.“ Jetzt gelte es, „am Boden zu bleiben“ und den letzten Schritt zu schaffen. Nervosität verspürt der ehemalige Stürmer, der lange Zeit in der deutschen Bundesliga aktiv war, kaum noch; vielmehr sieht er bei seinen Spielern große Entschlossenheit: „Ich sehe in ihren Augen, dass sie alles wollen. Das ist eine große, vielleicht einmalige Chance für einige.“ Man dürfe diese Möglichkeit nicht als Belastung sehen, sondern als Gelegenheit, „die es vielleicht nie mehr geben wird“. Die Vergangenheit blendet der Teamchef dabei aus: Vergleiche mit früheren entscheidenden Spielen lehnt er ab – „andere Zeiten, andere Spieler“ – wichtig sei nur das Hier und Jetzt.
Ärger über den ÖFB: Die Causa Karić
Überschattet wurde die Vorbereitung von administrativen Problemen rund um Sturm-Spieler Emir Karić. Der 28-jährige Linksverteidiger, in Österreich geboren und ehemals Junioren-Nationalspieler des ÖFB, hatte sich entschlossen, künftig für das Heimatland seiner Familie Bosnien zu spielen. Doch der formelle Verbandswechsel verzögerte sich, weil der österreichische Fußballbund laut den Bosniern die nötigen Unterlagen lange nicht übermittelte. Karić fehlte daher im vorigen Qualifikationsspiel gegen Rumänien, obwohl Barbarez ihn dort ursprünglich in die Startelf stellen wollte. Der bosnische Verband sah sich gezwungen, bei FIFA und UEFA zu intervenieren, um eine Freigabe zu erwirken.
Barbarez machte seinem Unmut darüber Luft: „Das war mindestens respektlos vom österreichischen Verband. Sowas erledigt man in ein, zwei Tagen und zieht es nicht so in die Länge.“ Man habe reagieren müssen, „aber Karić wird am Montag die Spielberechtigung erhalten“. Barbarez kündigte sogar an, den Unmut persönlich zu adressieren: „Ich werde es den Österreichern sagen, in ihrer Sprache: Was sie gemacht haben, war nicht in Ordnung – so etwas tut man nicht.“ Auch gegenüber bosnischen Medien betonte der Teamchef, der ÖFB habe Karić „die Chance verweigert, für das Land zu spielen, für das er sich entschieden hat“ – aus seiner Sicht eine klare Verletzung des Fair-Play-Gedankens.
Immerhin konnte Barbarez am Montagabend aufatmen: Die Freigabe für Karić traf schließlich fristgerecht ein. Damit steht der Defensivspieler gegen Österreich im Kader. „Die einzige Ungewissheit bleibt der Status von Emir Karić“, hatte Barbarez noch am Sonntag gesagt – diese letzte Frage scheint nun beseitigt.
Personal: Drei Sperren schwächen das Team
Abgesehen von der Causa Karić sind keine neuen verletzten Spieler dazugekommen, wie Barbarez bestätigte. Lediglich eine leichte Blessur bei Tarik Muharemović erwies sich als unbedenklich: „Alle sind einsatzbereit, Tarik ist fit.“ Allerdings muss Bosnien am Dienstag auf drei wichtige Akteure verzichten, die in der vorherigen Partie Gelbsperren kassierten. So fehlen Rechtsverteidiger Amar Dedić, Innenverteidiger Nikola Katić und Mittelfeldspieler Dženis Burnić, die sich gegen Rumänien jeweils ihre zweite Gelbe Karte abholten und damit für den Showdown in Wien gesperrt sind.
Ansonsten gibt es noch einige Spieler, die schon länger verletzt sind. Neben den drei gesperrten Spielern sind auch Demirovic, Hajradinovic und Sosic verletzt. Routinier Sead Kolasinac stand nach einer Verletzung wieder im Kader, spielte aber gegen Rumänien nicht.
Die hohe Motivation im bosnischen Lager unterstrich Barbarez auch mit einem Hinweis auf den großen Teamgeist: Selbst verletzte Akteure – die nicht mitwirken konnten – seien zuletzt ins Stadion gekommen, um die Mannschaft anzufeuern. „Sie haben sogar Verpflichtungen bei ihren Klubs sausen lassen, um dazuzukommen, und selbst Verletzte haben uns in Zenica unterstützt – das macht eine Nationalmannschaft aus“, so der stolze Teamchef.
Fans und Medien im Ausnahmezustand
In Bosnien-Herzegowina herrscht Ausnahmezustand vor dem „Finale“ in Wien. Die heimischen Medien sprechen von einem „Flug in die Geschichte“ für die Drachen, wie das Team liebevoll genannt wird. Nach dem Sieg über Rumänien sei nun „ein weiteres historisches Duell“ um die WM-Teilnahme greifbar. Landesweit bereiten sich die Fans auf ein mögliches Fußballfest vor: „Alle Augen der bosnischen Öffentlichkeit werden morgen auf Wien gerichtet sein.“ Für den Fall eines Sieges stünden in den Städten der Heimat bereits alle Zeichen auf Feier.
Vor allem aber setzen die Bosnier auf massive Unterstützung im Stadion. Schätzungsweise über 20.000 bosnische Fans werden in Wien erwartet, was einem Auswärtsspiel in Heimspiel-Atmosphäre gleichkäme. Mehr als 20.000 Bosnier und Herzegowiner würden nach Wien kommen, „es wird für uns buchstäblich ein Heimspiel“, hieß es enthusiastisch. Ein Portal ging sogar so weit zu behaupten, „niemand auf der Welt hat Fans wie die bosnische Nationalmannschaft“.
Auch Barbarez zeigt sich beeindruckt von der bevorstehenden Fan-Invasion. Er habe Videos von den bosnischen Schlachtenbummlern gesehen und sei begeistert: „Es ist unglaublich, wie glücklich wir die Menschen gemacht haben.“ „Deshalb mache ich diesen Job“, fügte der Coach hinzu – um Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Schon beim Heimsieg in Zenica habe man gesehen, was die „Symbiose zwischen Fans und Mannschaft“ bewirken kann.
