Ralf Rangnick: „Zwei nicht so ganz schlechte ‘Transfers’“
Mit der Bekanntgabe des ersten Nationalteam-Kaders im WM-Jahr 2026 gab Ralf Rangnick auch einen ausführlichen Einblick in seine aktuellen Überlegungen. Der Teamchef sprach unter anderem über die Integration der neuen Mittelfeldoptionen Paul Wanner und Carney Chukwuemeka sowie über offene Personalfragen in mehreren Mannschaftsteilen. Gleichzeitig skizzierte er die grundsätzliche taktische Ausrichtung, den Fokus des Trainingslagers in Marbella und die Rahmenbedingungen rund um das geplante WM-Quartier in Kalifornien.
Kader nominell groß, faktisch reduziert
Ralf Rangnick erklärte, dass zwar 28 Spieler einberufen worden seien, realistisch aber mit einem kleineren einsatzfähigen Kern geplant werde. David Alaba und Maximilian Wöber seien Teil der Gruppe, Einsätze in den Testspielen aber „hochgradig unwahrscheinlich“. Beide wollten dennoch unbedingt dabei sein, um wieder näher an die Mannschaft heranzurücken. Gleichzeitig wolle man die Tage nutzen, um ihre Behandlung und den Rehaprozess weiter voranzutreiben.
Neue Optionen im Mittelfeld – Positionierung von Wanner und Chukwuemeka
In der Einordnung der beiden Debütanten stellte Rangnick klar, dass er sie primär als zentrale Mittelfeldspieler sehe. Beide seien eher Achtertypen und kämen am ehesten für die offensiveren Zehnerrollen infrage, die es im System mehrfach gebe. Eine klassische offensive Außenbahn gebe es im österreichischen Spiel ohnehin nicht, auch weil das entsprechende Spielerprofil im Kader nicht wirklich vorhanden sei.
Wanner habe zuletzt bei PSV auch auf der Doppelsechs gespielt, theoretisch könne er diese Rolle ausfüllen, ob auf dem geforderten Niveau, müsse man im Lehrgang sehen. Bei Chukwuemeka sehe er die Stärken tendenziell eine Linie weiter vorne. Insgesamt werde der Konkurrenzkampf im Zentrum durch die beiden nicht kleiner.
Geduld als Strategie
Rangnick betonte, dass man über längere Zeit bewusst ruhig geblieben sei, um die Spieler zu überzeugen. Man habe keinen Druck aufgebaut, ihnen aber kontinuierlich signalisiert, dass sie im Nationalteam sehr willkommen seien. Dass sich diese Linie nun ausgezahlt habe, wertete er als Bestätigung. Beide hätten nun die Möglichkeit, sich in Training und Testspielen für weitere Aufgaben – auch mit Blick auf die WM – zu empfehlen.
„Zwei nicht ganz so schlechte Transfers“
Mit einem augenzwinkernden Vergleich verwies Rangnick auf die wirtschaftliche Dimension der Personalien. Addiere man die aktuellen Marktwerte, komme man auf rund 50 Millionen Euro. Wäre der Verband ein Klub, könne man von „zwei nicht so ganz schlechten Transfers“ sprechen. Vor allem perspektivisch traue er beiden zu, die Nationalmannschaft über viele Jahre hinweg zu prägen.
Integration und Sprachthema
Bei der Integration sah Rangnick unterschiedliche Ausgangslagen. Wanner sei durch einen früheren Lehrgang in Marbella kein Unbekannter, für ihn sei die Rückkehr eher ein „Welcome back“. Chukwuemeka hingegen müsse sich zunächst orientieren, spreche aber fließend Englisch, was innerhalb der Gruppe kein Problem darstelle. Dennoch wäre es aus Sicht des Teamchefs sinnvoll, wenn er zumindest die wichtigsten Fußballbegriffe auf Deutsch lerne. Mit Marcel Sabitzer hat der Neuling zudem einen Vereinskollegen vom BVB an seiner Seite, was die Integration sicherlich auch erleichtern wird.
Kalajdžić wieder im Blickfeld
Mit Sasa Kalajdžić habe es während der langen Verletzungspause regelmäßigen Austausch gegeben. Rangnick schilderte, dass der Stürmer vor seinem Wechsel zum LASK auch seine Einschätzung eingeholt habe. Entscheidend sei gewesen, dass Kalajdžić wieder Spielpraxis sammle und körperlich zulege. Die jüngsten Startelfeinsätze wertete er als positives Signal, nun wolle man ihn wieder auf dem Niveau der Nationalmannschaft sehen.
Svoboda belohnt für stabile Leistungen
Michael Svoboda habe Rangnick bereits vor seiner schweren Verletzung überzeugt. Nach Kreuzbandriss und schwieriger Phase habe er sich inzwischen zurückgearbeitet, spiele konstant, sei Kapitän seines Teams und befinde sich mit diesem in guter sportlicher Lage. Seine Nominierung sei deshalb eine logische Konsequenz gewesen.
Affengruber bekommt den Vorzug vor Querfeld
In der Innenverteidigung ging es dem Teamchef vor allem um neue Eindrücke. Leo Querfeld kenne man durch zahlreiche Lehrgänge und Beobachtungen sehr genau. David Affengruber hingegen habe man im Nationalteam noch nicht erlebt. Deshalb wolle man ihn nun im direkten Umfeld sehen und einschätzen. Eine Vorentscheidung für den WM-Kader sei das ausdrücklich nicht.
Torhüterfrage bleibt teilweise offen
Patrick Pentz und Alexander Schlager bezeichnete Rangnick als mehr oder weniger gesetzte Nummer eins und zwei. Dahinter gehe es darum, einen dritten Kandidaten zu definieren. Florian Wiegele sei deshalb neu dabei, weil er mit seinem Profil – insbesondere der Körpergröße von über zwei Metern – Eigenschaften mitbringe, die im aktuellen Pool sonst kaum vorhanden seien.
Wöbers Rolle hängt am Fitnesszustand
Maximilian Wöber sei in fittem Zustand immer ein fixer Bestandteil der Mannschaft gewesen. Gerade deshalb wolle Rangnick ihn trotz seines langen Leidenswegs im Kreis dabeihaben. Für eine WM-Nominierung werde aber ausschließlich die körperliche Verfassung ausschlaggebend sein. Sonderregelungen oder „Wildcards“ werde es nicht geben.
Alaba soll mehr sein als nur Symbolfigur
David Alaba nahm Rangnick bewusst von dieser strengen Linie etwas aus. Er hoffe weiterhin, dass der Kapitän bei der WM als Spieler zur Verfügung stehen könne. Gleichzeitig betonte er, dass er ihn in den Testspielen nicht überstürzt einsetzen werde. Ziel sei es, ihn im Sommer nicht nur als „Non-playing Captain“, sondern wieder als aktiven Faktor auf dem Platz dabeizuhaben.
Hannes Wolf bleibt auf dem Radar
Die Entwicklung von Hannes Wolf in den USA werde selbstverständlich verfolgt. Rangnick kenne ihn seit langem und registriere, dass sein Klub sportlich vorne mitspiele. Eine Einladung sei daher nicht ausgeschlossen. Letztlich werde aber entscheidend sein, welches Profil für das System und die Balance im Kader benötigt werde.
Systemtreue als Leitlinie
An der grundsätzlichen Spielidee wolle Rangnick nichts ändern. Die Viererkette bleibe die klare Basis, auch weil sie bei den meisten internationalen Spitzenmannschaften Standard sei. Zudem sehe er keinen Vorteil darin, einen Offensivspieler zu opfern, nur um defensiv einen zusätzlichen Mann aufzustellen.
Dreierkette als situatives Werkzeug
Gleichzeitig schloss er Anpassungen im Spielverlauf nicht aus. Gerade bei Führungen könne ein Wechsel auf eine Dreier- oder Fünferkette sinnvoll sein, um Ergebnisse abzusichern. Als dauerhafte Grundordnung sei das aber nicht vorgesehen.
Marbella als Feinschliff-Phase
Im Trainingslager liege der Fokus darauf, bestehende Abläufe weiter zu schärfen und neue Spieler schnell einzubinden. Rangnick kündigte intensive Videoarbeit und klare inhaltliche Schwerpunkte in den ersten Trainingstagen an. Ziel sei es, die Spielidee weiter zu festigen.
WM-Quartier als Standortvorteil
Vom Quartier an der US-Westküste zeigte sich der Teamchef sehr überzeugt. Entscheidend seien nicht Luxusfaktoren, sondern das Klima, die kurzen Wege und die Lage direkt am Pazifik. Dass ursprünglich Australien eine Option auf diese Anlage gehabt, sie später aber zurückgezogen habe, bezeichnete er rückblickend als glückliche Fügung.
Kornetkas Schritt war lange absehbar
Der Wechsel von Lars Kornetka auf den Cheftrainerposten von Eintracht Braunschweig sei für Rangnick keine Überraschung gewesen. Dessen Wunsch, sich in dieser Rolle zu versuchen, sei seit längerem bekannt gewesen. Wichtig sei, dass Kornetka dennoch teilweise im Lehrgang und bei der WM vollständig zur Verfügung stehen könne. Dass sein Klub dies ermögliche, wertete Rangnick als bemerkenswertes Signal.
Gespräche über die eigene Zukunft laufen im Hintergrund
Zu seiner persönlichen Situation wollte sich Rangnick nicht näher äußern. Man habe intern vereinbart, keine Zwischenstände öffentlich zu machen. Die Gespräche mit dem Verband laufen ruhig weiter. Vorrang habe derzeit ohnehin die sportliche Vorbereitung auf die kommenden Aufgaben.
