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Vorschau: Außenseiter San Marino unter der Lupe

San Marino ist der größte Außenseiter in der Gruppe H und weist nach fünf Partien null Punkte und ein Torverhältnis von 1:18 auf. Dementsprechend muss vor dem Heimspiel gegen den Zwergstaat auch die Favoritenfrage nicht gestellt werden. Wir analysieren die jüngsten Spiele des heutigen Gegners unter Trainer Roberto Cevoli und verraten euch, wie man den Außenseiter am besten knacken kann.

Cevoli ließ in den letzten Partien zwischen 4-1-4-1-, 4-4-1-1- und 4-3-3-Grundordnungen variieren. Der Ansatz ist aufgrund der beschränkten Mittel jedoch immer klar defensiv geprägt. San Marino kam in den letzten Spielen im Durchschnitt auf rund 34 % Ballbesitz und eine Passquote um 75 %, während die Gegner oft das Spieltempo diktierten und in den ersten beiden Drittel viel Platz hatte. Das bestätigen auch die Daten: Der PPDA-Wert lag im Mittel bei 17,3, was auf ein passives bzw. nicht vorhandenes Angriffs- und Mittelfeld-Pressing und einen tiefen Block hindeutet.

Das Team setzt im Aufbau auf kurze Zirkulation über die Innenverteidiger und den Sechser – meist Lorenzo Capicchioni –, bevor der Ball lang auf den Zielspieler und Stürmer Nicolò Nanni gespielt wird. Direkte flache Vertikalpässe sind selten, risikoreiche Zuspiele ins Zentrum fast nicht vorhanden.

In den letzten fünf Spielen verzeichnete San Marino im Schnitt 5,8 Abschlüsse pro 90 Minuten, davon nur 1,8 aufs Tor. Der durchschnittliche xG-Wert lag bei 0,55 pro Spiel, tatsächlich erzielte das Team 0,4 Tore pro Partie.

Rund die Hälfte aller Abschlüsse erfolgte außerhalb des Strafraums, was den geringen xG-Wert erklärt. Standardsituationen bleiben eine der wenigen Quellen für Gefahr: 1,0 Abschlüsse aus Standards pro 90 Minuten (xG ≈ 0,07), dazu gelegentlich Freistöße oder Strafstöße, die einen höheren xG-Wert nach sich ziehen.

Wie oben erwähnt ist der Zielspieler im Angriff ist Nicolò Nanni, der in der Serie C bei Arzignano aktiv ist. Der 190 cm große Mittelstürmer bringt physische Präsenz auf den Platz, ohne viele Torchancen zu generieren. Unterstützt wird er meist von Samuele Zannoni, der die meisten progressiven Pässe spielt und als Verbindung zwischen Mittelfeld und Angriff fungieren soll. Zannoni ist bei CBR Carli Pietracuta tätig, das in einer regionalen Liga in Emilia-Romagna-Region antritt.

Auf der linken Flanke sieht man immer wieder Überladungen, die jedoch meist ohne Ertrag bleiben. Flanken sind quantitativ vorhanden, kommen aber meistens ungenau, da sie vorzeitig aus tiefer Position erfolgen und wenig Aussicht auf Erfolg haben, zumal die Strafraumbesetzung mangelhaft ist.

Spiel gegen den Ball

San Marino verteidigt in klarer Raumordnung. Die Abwehrlinie steht tief, die Außenverteidiger bleiben eng. Typischerweise werden Angriffe nicht aktiv unterbunden und der Ballgewinn ist selten das Ziel. Es wird versucht den Gegner in ungefährliche Zonen zu leiten. Das führt zu einer geringen Zahl an Ballgewinnen (rund 35 pro 90 Minuten), von denen über 80 % im eigenen Drittel stattfinden, was ein enorm hoher Wert ist.

In Luftduellen agiert die Mannschaft ordentlich und weist aufgrund der tiefen Positionen dieser Duelle eine Erfolgsquote von rund 55 % auf. Probleme gibt es aber bei der Sicherung der zweiten Bälle und wenn der Gegner das Spiel schnell verlagert. Auffällig sind wiederkehrende Schwächen auf der linken Abwehrseite, wo die Gegner überdurchschnittlich viele Angriffe vortragen können.

In der Offensive sind für San Marino Standards die realistischste Chance auf ein Tor, defensiv dagegen bleibt man bei Standardsituationen anfällig. Die Mannschaft klärt den ersten Ball meist zuverlässig, gerät aber beim zweiten Kontakt otfmals in Bedrängnis.

Seit Cevolis Amtsantritt ist ein leichter Strukturfortschritt erkennbar. Die Mannschaft wirkt kompakter, die Abstände zwischen den Linien sind kleiner geworden, und in der Nations League 2024 gelang der erste Pflichtspielsieg gegen Liechtenstein, was für San Marino ein historischer Moment war.

San Marino kann Phasen überstehen, solange die defensive Organisation hält und der Gegner keine Dynamik über die Flügel entwickelt. Sobald der Gegner jedoch ein hohes Tempo geht, schnelle Verlagerungen macht und bei der Sicherung der zweiten Bälle individuelle Qualität und Strukturvorteile geltend machen kann, verliert die Mannschaft schnell die Struktur. Lange Ballbesitzphasen ohne schnelle Kombinationen oder Positionswechsel durch Verlagerungen spielen dem Gegner jedoch in die Karten. Ein furioser Start und eine hohe Intensität lohnen sich, da San Marino in den ersten 30 Minuten in der Vergangenheit oftmals viel zugelassen hat. Da auch das Torverhältnis bei der WM-Qualifikation eine Rolle spielen könnte, hoffen wir, dass das ÖFB-Team ähnlich effizient beginnt wie in der ersten Begegnung in San Marino, wo man nach 27 Minuten mit 4:0 führte. Danach sollte man aber weiterdrücken, denn ein richtig hoher Kantersieg könnte am Ende der Qualifikation den Unterschied ausmachen.