Kommentar

Marco van Bastens Pläne für den Fußball

[nextpage title=“Marco van Basten hat Pläne für den Fußball“]Marco van Basten, ehemaliger Weltklassestürmer und Bondscoach der Niederlande, präsentierte in einem Interview mit der „Sport Bild“ zehn neue Ideen für den Fußball. Der Niederländer ist seit Oktober 2016 Technischer Direktor der FIFA und will sofort frischen Wind in die Bude, oder besser gesagt in die Stadien, bringen.

„Wir müssen den Fußball beobachten und immer prüfen, ob und wie wir ihn verbessern können, um das Spiel ehrlicher, dynamischer, interessanter zu machen – ist das, was wir den Zuschauern bieten, gut genug, attraktiv genug“, sagte der 52-Jährige.

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Eines ist klar, Stillstand bedeutet auch im Fußball Rückschritt und neue Ideen können immer diskutiert werden. Auch wenn dann manchmal solch fragwürdige Entscheidungen wie eine WM mit 48 Mannschaften herauskommen. Bei den Visionen von van Basten kann man aber durchaus einige positive Ansätze erkennen. Die Einführung von Zeitstrafen statt der Gelben Karte würde für die gegnerische Mannschaft einen unmittelbaren Vorteil bringen, ein spannender Gedanke. Anstatt die Gelbe Karte zu ersetzen, wäre die Zeitstrafe als zusätzliche Option, ähnlich wie im Handball, aber wohl die bessere Variante. Eine Idee, die man durchaus schnell und ohne viel Aufwand durchsetzen könnte, ist das Verhindern der in den letzten Jahren immer häufigeren Rudelbildungen. Der Vorschlag von van Basten lautet, dass nur mehr der Kapitän der Mannschaft mit dem Schiedsrichter diskutieren darf.  Eine weitere Vision des Holländers hat der DFB für die kommenden DFB-Pokal-Runden bereits eingeführt. Dort ist ab der Verlängerung ein zusätzlicher, vierter Spielerwechsel möglich. Ein vierter Wechsel macht beim immer intensiver werdenden Fußball durchaus Sinn, eine höhere Anzahl würde allerdings zu viele Unterbrechungen mit sich bringen. Auch hierfür hat der Technische Direktor der FIFA eine Lösung parat, da man diesen Unterbrechungen beispielsweise durch das Einführen einer Netto-Spielzeit entgegenwirken könnte. Einen besonderen Reiz hätte sicherlich auch ein mögliches Shoot-out anstatt des Elferschießens, wie es in der Major League Soccer (MLS) Ende der 90er üblich war. Hervorzuheben – man muss bedenken dass dieser Mann für die FIFA arbeitet – ist ganz besonders folgender Satz: „Es gibt aber kein Geld-Problem, es ist schon eine Menge Geld im Fußball.“ Dies sagte van Basten im Zusammenhang mit der immer größeren Anzahl an Pflichspielen im Jahr, die wieder reduziert gehört, um das Niveau hoch zu halten. Hier werden, so schade es ist, aufgrund der Gier nach immer mehr Einnahmen, die großen Ligen und Vereine aber nicht mitspielen.

Der aber wohl brisanteste Vorschlag ist das Abschaffen der Abseitsregel. Der Grundgedanke ist, dass man das in Mode gekommene „Bus-Parken“ erschwert und das Spiel an sich wieder attraktiver wird. Ein Aufheben der Abseitsregel würde aber das Spiel völlig verändern und wahrscheinlich letztendlich noch weit intensiver machen, als es schon ist. Die einzelnen Reihen am Spielfeld würden spielend leicht auseinandergezogen werden können. Das ganze klingt dann irgendwie mehr nach Chaos und Kick and Rush als nach attraktivem Fußball. Marco van Basten bringt also durchaus mehrere interessante Ideen zu Tage. Und sein Arbeitgeber, die FIFA, kann durchaus wieder mehr gute Nachrichten gebrauchen.

[nextpage title=“Die Ideen im Überblick“]

Die Ideen des Europameisters von 1988 im Überblick:

Abseits abschaffen

„Das ist jetzt meine persönliche Meinung: Ich bin sehr neugierig, wie Fußball ohne Abseits funktionieren würde. Ich fürchte, viele Leute werden dagegen sein. Ich wäre dafür, denn der Fußball ähnelt inzwischen immer mehr dem Handball: Neun Spieler plus Torwart machen den Strafraum dicht, das ist wie eine Mauer. Ein Durchkommen ist nur sehr schwer möglich. Alle Mannschaften setzen auf die gleiche effektive Taktik: aus einer stabilen Abwehr heraus kontern.“ Ohne Abseits „könnten die Stürmer hinter den Verteidigern stehen, die es viel schwerer hätten. Wenn sie weit nach hinten vor ihr Tor rücken, ergeben sich für die Angreifer mehr Möglichkeiten zu Distanzschüssen. So würde das Spiel attraktiver werden, die Angreifer hätten bessere Chancen, es würden mehr Tore fallen. Das wollen die Fans sehen. Im Feldhockey wurde die Abseitsregel abgeschafft, und es gibt keine Probleme. Die Mannschaften würden sich auch im Fußball anpassen.“

Zeitstrafen statt Gelber Karte

„Von einer Gelben Karte für den Gegenspieler hast du als angreifende Mannschaft wenig. Eine Idee ist, die Gelbe Karte durch eine Zeitstrafe von fünf oder zehn Minuten zu ersetzen. Das schreckt ab. Es ist doch schwieriger mit 10 gegen 11, geschweige denn mit 8 oder 9.“

Shoot-out statt Verlängerung

„Jede Mannschaft hat fünf Versuche. Der Schiedsrichter pfeift, dann läuft der Spieler aus 25 Metern auf den Torwart zu. Innerhalb von acht Sekunden muss die Aktion abgeschlossen sein. Der Torwart darf den Strafraum nicht verlassen, wenn er pariert, ist es vorbei. Das ist spektakulär für die Zuschauer und interessant für den Spieler. Beim Elfmeterschießen ist in einer Sekunde für ihn alles vorbei, beim Shoot-out hat er mehr Möglichkeiten: Er kann dribbeln, schießen, abwarten, wie der Torwart reagiert – das ähnelt mehr einer typischen Spielsituation.“

Effektive Spielzeit in der Schlussphase

„Wir sind uns des Problems des Zeitspiels sehr bewusst. Die Zuschauer wollen Action sehen, Tore und Zweikämpfe. Je länger eine Auswechslung, die Ausführung eines Freistoßes oder die Behandlung eines verletzten Spielers dauern, desto mehr Spielzeit geht verloren. Darauf müssen wir scharf achten. Wir diskutieren deshalb auch darüber, die letzten zehn Spielminuten zu einer Periode der effektiven Spielzeit zu machen. (…) In jeder Sekunde dieser zehn Minuten muss der Ball rollen. Denn wenn eine Mannschaft kurz vor Schluss führt, tut sie alles, um Zeit zu schinden, etwa durch Auswechslungen.“

Fliegende Wechsel

„Auch darüber diskutieren wir, das ist eine Möglichkeit. Jedoch nur für Jugend-Wettbewerbe. Aber wir müssen dabei auch an den Schiedsrichter denken, er muss immer wissen, wer auf dem Platz steht.“

Mehr als drei Wechsel

„Es gibt als Trainer gute Gründe dafür, aber das würde maximal zwölf Ein- und Auswechslungen bedeuten. Dadurch würde wieder viel Zeit verloren gehen. Wir sprechen auch über ein oder zwei zusätzliche Einwechslungen in der Verlängerung, was ich gut finden würde. (…) Jedoch sollten das Spiel und der Spielfluss nicht darunter leiden und nicht grundlegend verändert werden.“

Rudelbildung verhindern

„Es wird sich zu viel über die Schiedsrichter beschwert, auch das kostet Zeit. Es wäre daher eine gute Idee, wenn wie im Rugby nur ein Spieler der Mannschaft – der Kapitän – mit dem Referee sprechen dürfte.“

Maximale Anzahl an Fouls

„Ich habe schon länger die Idee, dass ein Verteidiger wie im Basketball nur fünf Fouls begehen darf, dann muss er das Spielfeld verlassen.“

8 gegen 8 auf kleinem Feld statt 11 gegen 11

„Wir sollten im Profifußball bei 11 gegen 11 auf großem Spielfeld bleiben. Aber in der Jugend oder bei Senioren über 45 Jahren wäre 8 gegen 8 auf kleinerem Platz perfekt. Sie hätten öfter den Ball, würden mehr am Spiel teilnehmen, hätten mehr Spaß, auch weil sie weniger rennen müssen.“

Weniger Pflichtspiele pro Jahr

„Wir tun jeden Tag unser Bestes, um noch mehr Geld im Fußball zu generieren. Es gibt aber kein Geld-Problem, es ist schon eine Menge Geld im Fußball. Wir müssen uns auf die Qualität des Spiels konzentrieren. Wir sollten die Anzahl von 80 Saisonspielen auf einem Niveau, das nicht das Höchste ist, auf 50 Spiele auf Top-Niveau senken. Wir müssen den Topstars wie Ronaldo, Messi und Ibrahimovic, die die Fans sehen wollen, helfen, damit sie mental frisch und körperlich fit sind, weil sie weniger Spiele absolvieren müssen. “

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Sebastian Sohm

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Sebastian SOHM
(Redakteur, Nachwuchsfußball)

Bei 12terMann seit: 09/2015

M: sebastian.sohm@12termann.at

 

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