Kommentar: Wird Rangnicks Loyalität zum Problem?
Das Spiel gegen Tunesien war ein äußerst aufschlussreicher Test, der ansatzweise zeigte, wie es gehen könnte, und relativ klar erkenntlich machte, wie es mit Sicherheit nicht geht.
Schon die Startaufstellung verursachte bei so manchem Fan ein ungläubiges Zweifeln. Ausgerechnet Gregoritsch sollte den verletzten Baumgartner ersetzen. Ein Spieler, der nicht unbedingt durch seine Spritzigkeit, Ballsicherheit und Schnelligkeit auffällt. Chukwuemeka musste sich das zunächst von der Bank aus ansehen. Vor „Gregerl“ spielte Marko Arnautovic von Beginn an. Gerade dem Stürmer von Roter Stern Belgrad sieht man leider schon sehr lange an, dass seine besten Zeiten vorüber sind und das Karriere-Ende schon die Hand entgegenstreckt. Arnautovic brachte fünf von neun Pässen an den Mann und war de facto nicht am Offensivspiel des österreichischen Teams beteiligt. Wer gegen eine Mannschaft mit einem Marktwert von 70 Millionen Euro so sehr verblasst, sodass man ihn gar nicht mehr sieht, empfiehlt sich nicht unbedingt für die Startelf einer WM-Mannschaft. Es darf daher die Frage erlaubt sein, ob sich Ralf Rangnick selbst und allen Fans mit dieser Art von Nibelungentreue etwas Gutes tut.
Denn auch die Nominierung von David Alaba in die Startelf blieb bis zuletzt ein einziges Fragezeichen. Mit seinen immer wiederkehrenden Vorstößen bringt er die Hintermannschaft häufig und unnötig ins Wanken. Zu viele Spieler müssen hinter ihm absichern. Man sieht Alaba generell an, dass er in der gesamten Performance als Innenverteidiger etwas instabil geworden ist. Auch bei seinen Kurzeinsätzen in Madrid gehörte er leistungsmäßig selten zu den auffälligsten Akteuren. Die 45 Minuten reichten im Übrigen auch schon für die nächste Verletzung aus. Was sich da ein Spieler wie Leopold Querfeld denken muss, sofern er sich das Spiel im Fernsehen angesehen hat.
Auch Rangnicks Festhalten an Alexander Schlager versteht nicht jeder. Seine Saisonleistung in Salzburg ließ über weite Strecken zu wünschen übrig. Zu häufig wird ihm die geringe Körpergröße im modernen Torwartspiel zum Verhängnis. So auch bei zwei Lattenschüssen, die ein Florian Wiegele vermutlich noch erreicht hätte. Mit Hinblick auf die Entwicklung eines Schlagers, dessen Leistungszenit möglicherweise schon in der Vergangenheit liegt, könnte aber gerade mit Wiegele eine hoffnungsvolle Nummer 1 aufgebaut werden. Es scheint auch die Verteilung der Kapitänsbinde nicht leistungsgerecht gewichtet zu werden, sonst wäre sie dauerhaft am Oberarm von Marcel Sabitzer zu sehen. Das Leistungsprinzip scheint also nicht für jeden zu gelten. Zumindest so der Anschein.
Bestätigt wurde dies durch die personellen Umstellungen in der zweiten Hälfte, die wesentlich besser anzusehen war. Auffällig, dass die zweiten Spielhälften des ÖFB-Teams grundsätzlich besser funktionieren als die ersten 45 Minuten. Liegt dies daran, dass man häufig einen schlechten Plan A wählt? Ist das Team zu ausrechenbar? Schickt man zu stur immer dieselben Spieler in die Startformation, ohne auf aktuelle Formkurven zu achten? Fragen, auf die nur einer die richtigen Antworten zu finden braucht: der Teamchef selbst. Er wollte die Startaufstellung für das Auftaktspiel gegen Jordanien schon zusammen haben. Angesichts der Leistungen der präferierten Spieler ist das kein gutes Zeugnis für Rangnick, da er die aktuelle Form der jeweiligen Spieler scheinbar ausblendete.
Spieler wie Danso, Kalajdzic, Chukwuemeka oder Wanner nicht in die Startelf zu integrieren, wäre vermutlich ein Schuss ins eigene Knie. Gerade jetzt, wo mit Baumgartner der wichtigste und kreativste Spieler in der Offensive ausfällt. Durch völlig unnötige Personalentscheidungen wäre nun zu befürchten, dass man sich das Leben im Hinblick auf eine möglicherweise historische WM unnötig schwer macht. Die Startplätze sollten nach Form und Qualität vergeben werden und keinesfalls eine dankbare Huldigung von erbrachten Leistungen in der Vergangenheit sein. Mitunter wird diese darüber entscheiden, ob das ÖFB-Team die WM rockt oder in den USA baden geht.
