FIFA WM 2026

Analyse: Argentinien besiegt beherzte, aber offensiv mutlose ÖFB-Elf

Aufgrund zweier Treffer von Superstar Lionel Messi blieb die erhoffte Sensation durch die österreichische Mannschaft gegen Weltmeister Argentinien aus. Wir analysieren die 0:2-Niederlage der Rangnick-Elf gegen die „Albiceleste“ im Detail.

Im Vergleich zum Spiel gegen Jordanien, bei dem Österreich speziell in höheren Feldpositionen für hohe Positionsuntreue sorgen wollte, um das Spiel intensiv und gelegentlich sogar wild zu gestalten, waren die Rollen gegen Argentinien weitgehend klar verteilt und man ließ sich nur selten auf positionstaktische Besonderheiten ein.

Die Gregoritsch-Wanner-Rochade

Die grundsätzliche Herangehensweise war wie von den Österreichern gewohnt. Laimer gab den Außenverteidiger auf der linken Seite, der deutlich höher schob als Posch am gegenüberliegenden Flügel und im offensiven Zentrum gab es immer wieder Positionsrochaden zwischen Gregoritsch, der etwas überraschend als Soloneuner begann, und Paul Wanner, der einer der ersten Anläufer war und sich überraschend hoch positionierte. An dieser Positionierung im Offensivzentrum konnte man bereits das erste Problem der Österreicher in diesem Spiel ausmachen.

Das Problem des tiefen Lautaro Martínez

Grundsätzlich war recht schnell sichtbar, dass die Österreicher vor allem die Intensität des argentinischen Mittelfelds spiegeln wollten. Das Zentrum, das von absoluten Topspielern wie Alexis Mac Allister und Enzo Fernández angeführt wird, war aufgrund der hohen Zweikampfintensität, die manchmal schon fast an der Eskalation schrammte, für die Österreicher enorm schwierig zu bespielen.

Ein weiteres Problem stellte in der ersten Halbzeit die Positionierung von Inter-Stürmer Lautaro Marténez dar, der sich ausgesprochen tief positionierte und die Rolle des antizipativen Stürmers einnahm, auch weil Messi mit seiner üblichen Freigeistrolle ausgestattet war. Hinzu kam, dass Rodrigo de Paul und Thiago Almada im 4-4-2 der Argentinier die nötige Breite gaben.

Wanner fehlt die Bindung

Das hatte zur Folge, dass die Mannschaft von Lionel Scaloni kompakter auftrat als die Österreicher, bei denen mit Wanner der etatmäßige Zehner zu wenig ins Spiel eingebunden war. Auch Romano Schmid konnte mit seinen Einrückbewegungen ins Zentrum nur selten die nötigen, länger aufrechten Verbindungen herstellen.

Die Passmatrix der Partie zeigt, dass Wanner (24) durchschnittlich zu hoch blieb und kaum ins Passspiel der Österreicher eingebunden war. [ Screenshot von WyScout S.p.a. ]

Diese beiden Spieler waren es auch, die schließlich von allen österreichischen Startern die wenigsten Ballaktionen hatten, vor allem weil die Bindung zum recht klar als Doppelsechs agierenden Gespann aus Seiwald und Schlager nicht gegeben war.

Italiens Torschützenkönig stellt passiv das Zentrum zu

Ein durchaus großes Kuriosum stellen die Statistiken des eben erwähnten Lautaro Marténez dar. Der Torschützenkönig der Serie A war 71 Minuten lang auf dem Platz und nahm eine verhältnismäßig tiefe Rolle gegen den Ball ein, spielte aber in der gesamten Partie nur acht Pässe. Seine zusätzlich defensiv ausgerichtete Positionierung sorgte aber schlichtweg dafür, dass Österreich durchs Zentrum keinerlei Optionen fand, das Spiel nach vorne zu tragen, was vor allem Wanner zunehmend isolierte.

Gregoritsch reibt sich auf, Kollegen kommen nicht ins Gegenpressing

Gregoritsch rieb sich zwar im Zuge seiner zahlreichen Antizipationsbewegungen in den Zehnerraum auf und hatte am Ende auch gute Pass- und Zweikampfwerte, jedoch funktionierte die Ballweiterverarbeitung nach gewonnenen Bällen aufgrund der großen Kompaktheit der Argentinier im Mittelfeldzentrum kaum. Speziell in der ersten Halbzeit versuchte Österreich häufig mit langen Bällen in Richtung Gregoritsch zu agieren, zumal man den Größenvorteil gegenüber den Argentiniern als wichtiges Asset ausmachte. Problematisch war hierbei jedoch, dass die anderen Offensivspieler nur bedingt ins Gegenpressing kamen und Österreich so viel zu wenige hohe Ballgewinne generieren konnte. Auch in dieser Hinsicht war die Personalie Wanner, der nur 28% seiner Zweikämpfe gewann, zentral.

Die Angst vor argentinischen Umschaltern

Hinzu kam, dass wenn sich die Österreicher doch ein wenig befreien konnten, der Mut zum Risiko in der Offensive zunächst völlig fehlte. Die Mannschaft von Ralf Rangnick kämpfte sich speziell im zweiten Drittel brav in die Partie und schenkte den Argentiniern nichts, aber wenn es daran ging, Lösungen zu finden, um zu Torabschlüssen zu kommen, war man beinahe über die gesamte Spieldauer zu ehrfürchtig und vor allem darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Dies war sicher auch dadurch bedingt, dass man gegen die flinken Südamerikaner Angst vor schnellen Gegenstößen hatte, vor allem weil Lionel Messi in seiner Freigeistrolle praktisch dauerhaft gut anspielbar war und es sehr schwierig gewesen wäre, ihn im Eins-gegen-Eins zu verteidigen.

Deshalb wählte man in der Vorwärtsbewegung häufig die einfachere Option, anstatt sich öfter in Eins-gegen-Eins-Situationen zu trauen und die Argentinier somit individuell etwas mehr zu fordern. Erst mit den Wechseln in der 68. Minute und der Hereinnahme von Prass, Friedl und Arnautovic wurde dies etwas besser und Österreich kam zum Ende des Spiels hin wieder etwas mehr auf.

Zu inkonsequent im offensiven Flügelspiel

Problematisch war jedoch weiterhin, dass man gegen das enorm kampfkräftige zentrale Mittelfeld der Argentinier keine vernünftigen Lösungen fand und praktisch keine Chancen kreierte. Während der Weltmeister zehn Angriffe übers Zentrum bei einem xG-Wert von 1.35 nur über diese Zentrumsattacken generierte, hieß der xG-Wert der Österreicher bei Angriffen übers Zentrum schlichtweg 0.00.

Wenn es gefährlich wurde, dann nur über die Flügel, zumal Argentinien hier mit Molina und Medina verhältnismäßig die größten Schwachstellen im Team hatte. Aber Österreich beschränkte sich über die gesamte Spieldauer zu lange auf einen aufopferungsvollen Kampf im Zentrum, anstatt die Flügel deutlich konsequenter zu bespielen.

Drei Chancen in der zweiten Halbzeit

Dies war schließlich auch der Grund für die Einwechslung von Prass, mit der Laimer auf die rechte Abwehrseite rücken konnte und man folglich trotz einer 4-2-3-1-Formation mit zwei Flügelverteidigern agierte. So wollte man eben diese individuellen Möglichkeiten vorfinden und den beiden Außenverteidigern der Argentinier mehr Druck machen.

Ansatzweise gelungen ist dies aber erst in der zweiten Hälfte, etwa als Gregoritsch nach einer guten Einzelaktion von Sabitzer per Kopf scheiterte (67.). Sabitzer hatte zuvor bereits mit einem Freistoß Torhüter Emiliano Martínez geprüft (55.). Patrick Wimmer fand unmittelbar vor dem 2:0 durch Messi die beste Chance der Österreicher per Kopf vor – vorangegangen war eine Freistoßflanke und eine gute Kopfballvorarbeit von Kevin Danso. Auch das stärkere Forcieren von Standards um dann den Größenunterschied ausnutzen zu können, fehlte aufgrund der seltenen Eins-gegen-Eins-Situationen völlig.

Niederlage, aber weitgehend positiv zu bewerten

Die ÖFB-Elf kam schlussendlich nur auf fünf nennenswerte Abschlüsse. Alleine Superstar Lionel Messi schloss siebenmal ab, verschoss einen Elfmeter und erzielte dennoch seine Turniertore vier und fünf, die ihn zumindest vorerst zum alleinigen Rekordhalter bei Weltmeisterschaften machen, auch wenn anzunehmen ist, dass er über kurz oder lang noch vom Franzosen Kylian Mbappé überholt werden wird.

Österreich präsentierte sich zwar gut und verlangte den Argentiniern vor allem, was das Zweikampfverhalten und die Intensität betrifft, alles ab, spielte den „Gauchos“ aber dennoch ein wenig in die Karten, auch weil man den offensiven Flügelfokus viel zu spät fand. Dennoch kann das Spiel gegen den amtierenden Weltmeister als positiv bewertet werden, zumal man es sehr lange offen gestalten konnte und mit etwas Glück zum Ende hin noch einmal ins Spiel zurückkommen hätte können. Dennoch muss sich das Nationalteam die Kritik gefallen lassen, dass man im letzten Drittel bei eigenem Ballbesitz zu sehr den Mut und die Torhungrigkeit vermissen ließ. Im Mittelfeld werden leider keine Spiele entschieden – und deutlich mehr Mut zum Risiko wird im weiteren Verlauf des Turniers ganz klar essentiell sein.

Messi stand erneut über allem

Den Unterschied machte am Ende wenig überraschend der in Topform agierende Lionel Messi, der seine Spielfreude und Torgefährlichkeit perfekt ins Turnier mitnehmen konnte. Hätten die Argentinier nicht einen solchen Ausnahmekönner in ihren Reihen, wäre die Partie vermutlich länger auf Augenhöhe verlaufen.

An der Schiedsrichterleistung, die Rangnick vor allem aufgrund eines möglichen Fouls an Xaver Schlager in der Entstehung des 0:1 kritisierte, ist die 0:2-Niederlage eindeutig nicht festzumachen. Die besorgte schon der Mann, der morgen seinen 39. Geburtstag feiert, fast auf den Tag genau seit 20 Jahren für Argentiniens Nationalteam aufläuft und mittlerweile in 201 Länderspielen unglaubliche 122 Treffer erzielte…