Kommentar: Die aktuelle Stürmersituation in der österreichischen Nationalmannschaft
Die österreichische Nationalmannschaft steht nicht nur vor zwei wegweisenden Spielen Richtung Weltmeisterschaft, sondern auch vor einer spannenden Frage: Wer soll für die ÖFB-Elf stürmen?
Ein zentrales Thema bei der Stürmerfrage ist die Personalie Marko Arnautovic. Ein Spieler, der zwar häufig den Unterschied ausgemacht hat, sich nun aber bereits im Herbst bzw. eher sogar im Winter seiner Karriere befindet. Seine Leistung und speziell Leistungsbereitschaft im Spiel gegen Rumänien waren erschreckend. Wie erklärt man seinen Kollegen, die sich bereits seit einer Stunde die Lunge kaputtlaufen, dass man zwei Minuten nach Einwechslung nicht bereit ist, auch nur einem einzigen Ball nachzugehen und seine Mitspieler damit alleine im Pressing lässt.
Es wäre daher auch legitim, wenn solche „Leistungen“ intern zu Diskussionen führen, wird doch von Rangnick stets propagiert, jeder müsse an seine Grenzen gehen. Wann bitte tut das Marko Arnautovic? Spätestens seit seinem Wechsel zu Roter Stern Belgrad und auch seiner anschließenden Verletzung, ist es in Zukunft sportlich auch immer schwerer zu argumentieren, dass er noch ein Teil des ÖFB-Teams ist. Als Dragovic vor Jahren zum selben Verein wechselte, formtechnisch aber noch in einem ganz anderen Bereich der Leistungskurve anzutreffen war, wurde er ausgebootet. Möchte Teamchef Rangnick glaubwürdig bleiben und bestätigen, dass er seiner Linie treu bleibt, dann darf Arnautovic keine Einberufung mehr erhalten. Zudem lässt sein körperlicher Zustand auch nicht einmal mehr eine volle Spielzeit zu. Wie sollte man eine Einberufung daher rechtfertigen, die beutetet, dass einem jüngeren Spieler dadurch ein Platz verwehrt bleibt.
Der treffsicherste Stürmer der jüngeren Vergangenheit ist Michael Gregoritsch, der vor kurzem seinen Wechsel zu Brondby in die dänische Liga bekanntgegeben hat, wo auch Teamtorhüter Pentz unter Vertrag steht. „Sportlicher Abstieg“ schreiben manche Fans im Internet. Die dänische Liga sei kaum stärker als die österreichische. Damit liegen die Fans nicht unbedingt falsch, wobei man anmerken muss, dass der Gedanke nicht zu Ende gedacht wurde. Ein Stürmer der Kategorie Gregoritsch hätte als Stammspieler in der deutschen Bundesliga wohl nur einen Verein aus dem unteren Drittel an Land ziehen können, was bedeuten würde, dass die Anzahl von Einsatzminuten nochmal abnehmen. Und zum anderen (was wohl der wichtigste Punkt ist) bedeutet es für einen Stürmer, der im Tabellenkeller oder -Mittelfeld aktiv ist, dass dort meist eine defensivere Spielkultur auf ihn wartet, die wenig Ballkontakte, wenige Strafraumaktionen und in Summe wenig Tore bedeuten. Das wiederum sorgt nicht unbedingt für ein großes Selbstbewusstsein. Dinge, die ein Stürmer im Hinblick auf die WM nicht brauchen kann. Bei Brondby ist wohl das Gegenteil der Fall, weshalb der Wechsel mit Hinblick auf das Nationalteam sicherlich als positive Neuigkeit zu werten ist.
Nach unzähligen Hiobsbotschaften ereilte Fans zuletzt auch eine erfreuliche Meldung: Sasa Kalajdzic ist nach fast unvergleichlichem Verletzungspech und drei Kreuzbandrissen zurück und macht Hoffnung, dass Österreich auf der Stürmerposition um eine äußerst brauchbare Lösung reicher geworden wird. Im Moment bleibt abzuwarten, ob er sein Comeback bei den Wolverhampton Wanderers gibt oder doch in die Serie A wechselt. Für den ÖFB-Fan heißt’s „wuascht“, denn Hauptsache er spielt, bleibt gesund und macht die Anhänger ähnlich glücklich, wie mit seinem 2021er-EM-Tor gegen Italien.
Neben Gregoritsch und Kalajdzic hat sich in den letzten Monaten auch eine weitere interessante Personalie aufgedrängt: nämlich Raul Florucz. Der 24-jährige Vöcklabrucker wechselte erst 2025 aus Slowenien nach Belgien, wo er bei Royale Union Saint-Gilloise unter Vertrag steht und mit drei erzielten Treffern in fünf Ligaspielen ordentlich eingeschlagen hat. Ein schneller Stürmer, der sich als ernsthafte Option für die WM-Qualifikation aufdrängt.
Abzuwarten gilt es auch bei Junior Adamu vom deutschen Bundesligisten Freiburg, der sich als gute Back-Up-Variante im Sturm entwickeln könnte. In Freiburg traf er bei vierzig Einsätzen aber erst zweimal und im Nationalteam war es bisher auch eher ein bemühtes Wollen als ein überzeugendes Können. Es braucht daher sicher eine Formsteigerung des Spielers um in Rangnicks Elf Einsätze zu erhalten.
Dann stellt sich noch die Frage, ob es Talente aus der heimischen Bundesliga gibt, die bald schon eine Option für den Sturm sein können. WAC-Angreifer Erik Kojzek, der sich im Gegensatz zu Leon Grgic für die österreichische Nationalmannschaft entschied, laboriert momentan an einer Ellenbogenverletzung. Rapid-Talent Nikolaus Wurmbrand, der gestern gegen den Wolfsberger AC einen Doppelpack erzielte, könnte sich in mittlerer Zukunft ebenfalls Chancen auf eine Einberufung ausrechnen, sollte er fit bleiben und seine Form prolongieren. Wurmbrand ist aber ein Spieler, der eher über den Flügel kommt.
Eine interessante und möglicherweise funktionierende Zusatzoption für das Sturmzentrum wäre Marco Grüll von Werder Bremen. Erst beim Bundesliga-Auftakt von Werder bekleidete der 27-Jährige diese Position und gehörte neben Romano Schmid zum besten Spieler der Partie. Obwohl er normalerweise am Flügel agiert, könnte Grüll besonders bei Ausfällen zu einer Alternative werden, die man berücksichtigen sollte. Die interne Konkurrenz unter den Stürmern ist besonders durch den Lauf von Florucz und dem Comeback von Kalajdzic somit glücklicherweise wieder am Aufflammen, was mit Sicherheit zur Steigerung der Gesamtleistung beitragen kann. Teamchef Ralf Rangnick hat also von nun an die Möglichkeit, aus einem größeren Pool guter Spieler zu schöpfen. Aber: Es bleibt trotzdem spannend und abzuwarten, wie er die verschiedenen Stürmer in sein taktisches Konzept integrieren kann und wer im September gegen Zypern und Bosnien auflaufen wird.
