Kommentar: Schafft der ÖFB die WM-Quali (wieder nicht)?
Der sechste Spieltag der WM-Qualifikation ließ Österreichs Fußballfans mit dem Kopf schütteln. Die Nationalmannschaft verlor wenige Tage nach dem 10:0-Rekordsieg über San Marino durch einen Last-Minute-Treffer in Rumänien. Es war aber nicht bloß die Niederlage, die schockierte, sondern vor allem das Drumherum sowie die Entstehungsgeschichte.
In 95 Minuten schoss die ÖFB-Elf einmal auf das gegnerische Tor! Die Solospitze Michael Gregoritsch sah weder Ball noch Licht, durfte aber trotzdem bis zur 86. Minute am Platz stehen. Schwer zu erklären, warum jungen Spielern wie Wurmbrand ein Einsatz verwehrt bleibt und warum Gregoritsch trotz schlimmem Formtief vorgezogen wird. Es muss auch die Frage gestellt werden, ob es klug war Arnautovic nur für seinen (schönen) Torrekord die 90 Minuten gegen San Marino durchspielen zu lassen. Am Ende sollte alles dem Ziel sich für die WM zu qualifizieren untergeordnet werden, auch persönliche Rekorde. Wie fürchterlich es um die Stürmerposition in Österreich bestellt ist, zeigt auch, dass Arnautovic noch immer der Hoffnungsträger ist, obwohl er immer wieder verletzt ausfällt und es angesichts der jüngsten Wochen bei Roter Stern auch nicht verwunderlich ist, dass er nicht beide Spiele über 90 Minuten bestreiten konnte.
Ralf Rangnick muss sich wohl auch den Vorwurf gefallen lassen, das Spiel vercoacht zu haben. Rumäniens Trainer Mircea Lucescu sagte nach dem Spiel, dass sie genau gewusst hätten, wie und mit wem Österreich spielen werde, da sie seit Jahren gleich spielen. Diese Aussage zeigt, dass die Gefahr gegeben ist, dass Rangnick denselben Fehler macht, wie damals Marcel Koller. Man wird zu leicht ausrechenbar, wenn man immer gleich spielt. Was Rangnick zudem vorgeworfen wird: Er wechselt viel zu spät und manchmal gar nicht an der Position, an der es nötig wäre. Lienhart und Gregoritsch hatten einen rabenschwarzen Tag und hätten in der zweiten Halbzeit nicht mehr am Platz stehen dürfen. Auch das sture Festhalten Rangnicks an Spielern, die de facto nicht (mehr) die Qualität für das Nationalteam mitbringen, wird zunehmend zum Problem. Grillitsch liefert zahlreiche schwache Auftritte, erhält aber dennoch den Vorzug gegenüber Spielern wie Kevin Stöger. Wenn Michael Gregoritsch zudem sagt, man dürfe nicht erwarten, dass man in jedem Spiel fünfzehn Chancen kreiere, dann muss man das nach so einem Spiel auch hinterfragen. Hier fehlt es an Selbstkritik und einer seriösen Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern.
Ein weiterer Punkt ist tatsächlich eine Erwartungshaltung, die diese Mannschaft nicht ganz erfüllen kann. Denn das Problem besteht darin, dass man zwar oftmals gut und intensiv gegen den Ball spielt, aber bei eigenem Ballbesitz die Dynamik fehlt. Außer Baumgartner findet sich in den Startaufstellungen oftmals kein einziger Spieler im Nationalteam, der es zustande bringt, einen Gegenspieler mit Geschwindigkeit zu überdribbeln. Daraus ergibt es sich auch, dass man im Offensivbereich limitiert ist und die Gegner sich auf uns einstellen können. Das österreichische Nationalteam ist eine Mannschaft bestehend aus Läufern, Kämpfern und Arbeitern. Nimmt der Gegner dem Team die Möglichkeit in Zweikämpfe zu kommen, so ist der Zahn schon zur Hälfte gezogen.
Was man dem Team aber nicht vorwerfen kann: Mangelnde Einsatzbereitschaft und den Willen. Dieses Team hat die österreichischen Herzen gewonnen, weil es unerbittlich hart arbeitet. Hinterfragen muss man aber dennoch in erster Linie die Entscheidungen auf der Trainerbank, die auch schon bei der bitteren EM-Niederlage gegen die Türkei und nun bei der Niederlage in Rumänien wohl suboptimal waren. Auf den Punkt gebracht: Spieler in guter Form sollten jenen Spielern vorgezogen werden, die nicht in Form sind.
Im November geht es in Zypern bereits um alles oder nichts. Für viele gleicht dies wieder einem Besuch in einer Pizza-Backstube, hört man sich in Podcasts und Foren um. Wenn man allerdings das Heimspiel Revue passieren lässt, welches man nur mit Müh und Not anhand eines Elfmetergeschenks entscheiden konnte, wird einem etwas bange. Zypern wird eine steinharte Prüfung, in der nicht nur das Team die so häufig zitierte Reife zeigen kann, sondern auch Ralf Rangnick: End- und K.o-Spiele hat der Fußballprofessor nämlich bis dato noch nicht viele zugunsten Österreichs entscheiden können.
