Deutschland scheitert an Paraguay: „Nicht im Elferschießen verloren“
Deutschland ist bei der WM 2026 im Sechzehntelfinale sensationell an Paraguay gescheitert. Nach dem 1:1 nach Verlängerung verlor die DFB-Elf im Elfmeterschießen und muss damit erneut deutlich früher nach Hause fahren als geplant. Bei MagentaTV sprachen Kai Havertz, Julian Nagelsmann, Manuel Neuer, Joshua Kimmich und Rudi Völler über die Niederlage, fehlende Durchschlagskraft und die grundsätzliche Lage des deutschen Fußballs.
Die Worte fielen schwer. Kai Havertz trat direkt nach dem Spiel vor die Kamera und sagte zunächst, ihm würden „ein bisschen die Worte“ fehlen. Nach den enttäuschenden vergangenen Turnieren habe Deutschland wieder viel vorgehabt. „Das Einzige, was ich sagen kann, ist: Entschuldigung“, meinte der Offensivspieler. Die Enttäuschung in der Kabine sei deutlich spürbar gewesen.
Havertz fand danach dennoch klare Worte. Paraguay habe tief verteidigt und es Deutschland schwer gemacht, Tempo zu entwickeln. Trotzdem reichte ihm diese Erklärung nicht. „Wenn man gegen Paraguay ausscheidet, bei allem Respekt, dann hat man es auch nicht verdient weiterzukommen“, sagte der Arsenal-Legionär. Besonders hart fiel seine Einordnung zur internationalen Stellung der deutschen Nationalmannschaft aus. Auf die Frage, ob Deutschland nach den jüngsten WM-Ergebnissen nur noch „zweitklassig“ sei, antwortete er: „Scheint so auf jeden Fall.“
Nagelsmann kritisiert langsamen Ballbesitz
Bundestrainer Julian Nagelsmann versuchte direkt nach dem Aus, die Partie taktisch einzuordnen. Deutschland sei durch die einzige echte Situation Paraguays in der ersten Halbzeit in Rückstand geraten. Vor dem Gegentor habe man eine Überzahlsituation schlecht verteidigt und im Zentrum die Zuordnung schleifen lassen. Danach habe die Mannschaft zwar Kontrolle gehabt, aber zu wenig Tempo in den Ballbesitz gebracht.
„Unser Ballbesitz war sehr langsam“, erklärte Nagelsmann. Man habe zu lange gebraucht, um von einem Flügel auf den anderen zu spielen. Dadurch habe Paraguay oft rechtzeitig verschoben und vor allem auf Deutschlands linker Seite doppeln können. Gefährlich sei es immer dann geworden, wenn Deutschland schneller über außen kam oder Flanken in den Strafraum brachte. Aus Sicht des Bundestrainers hätte seine Mannschaft diesen Weg noch konsequenter und deutlich öfter suchen müssen.
Nagelsmann ärgerte sich auch über Tahs aberkanntes Tor. Dieses sei aus seiner Sicht regulär gewesen. „Das ist ein Witz, dass er den abpfeift“, sagte der Bundestrainer. Trotzdem wollte er die Verantwortung nicht auf Schiedsrichter oder VAR schieben. „Am Ende musst du trotzdem gegen Paraguay gewinnen. Das ist am Ende zu wenig.“
Neuer: „Wir hatten nicht diesen Punch“
Auch Manuel Neuer sah die Hauptursache nicht im Elfmeterschießen, sondern in den 120 Minuten davor. Der Torhüter berichtete von einer sehr stillen Kabine. Nagelsmann habe ein paar Worte an die Mannschaft gerichtet, ansonsten habe die Enttäuschung überwogen. „Wir hatten halt einfach nicht diesen Punch, um das Spiel für uns heute zu entscheiden“, sagte Neuer.
Paraguay habe kaum gepresst und sich tief zurückgezogen. Deutschland fand gegen diesen Block zu wenige Mittel und entwickelte zu wenig Durchschlagskraft. Der Plan sei gewesen, über die Außenspieler schnell hinter die Kette zu kommen und die Abwehr in Rückwärtsbewegung zu bringen. So sei auch der Ausgleich durch Kai Havertz entstanden. Insgesamt waren es Neuer aber zu wenige klare Chancen.
Über das Elfmeterschießen wollte der langjährige Nationaltorhüter nicht zu hart urteilen. Wer den Mut habe, anzutreten, dem könne man keinen Vorwurf machen. Trotzdem müsse Deutschland so ein Spiel vorher entscheiden. „Diesen Anspruch müssen wir haben und das haben wir nicht hingekriegt.“ Für Neuer war es ein bitterer Abschluss. Auf die Frage nach seinem letzten Turnier sagte er: „Es ist extrem bitter, so aufzuhören.“
Kimmich übernimmt Verantwortung
Joshua Kimmich wurde noch konkreter: Es sei schwer auszudrücken, was gerade in ihm vorgehe. Deutschland sei wieder früh ausgeschieden, weil man „einen schwachen Gegner nicht schlagen konnte“. Paraguay habe destruktiv gespielt, viel gelegen und wenig zugelassen. Das sei aber vorher bekannt gewesen.
Kimmich verwies darauf, dass Deutschland über das gesamte Turnier zu wenig Torchancen kreiert und in jedem Spiel ein Gegentor bekommen habe. Gegen Paraguay hätte es aus seiner Sicht gar nicht erst ins Elfmeterschießen gehen dürfen. „Wir haben 120 Minuten Zeit, hier zwei Tore zu machen“, sagte der Kapitän. Das Spiel habe man nicht im Elfmeterschießen verloren, sondern vorher.
Besonders deutlich wurde Kimmich beim Thema Verantwortung. Deutschland wolle bei Turnieren eigentlich das Land stolz machen. Er selbst kenne die Nationalmannschaft aus seiner Kindheit als Team, das regelmäßig im Halbfinale oder Finale stand. Der aktuellen jüngeren Generation habe man dieses Gefühl nicht geben können. „Die Nationalmannschaft ist momentan leider nicht“, sagte Kimmich über die Frage, worauf Deutschland stolz sein könne. Die Verantwortung liege bei den Spielern, nicht beim Trainer, nicht bei den Medien, nicht beim Schiedsrichter und nicht beim Gegner.
Völler stärkt Nagelsmann
Rudi Völler verteidigte Nagelsmann nach dem Ausscheiden deutlich. Natürlich sei das Ergebnis der letzten drei Weltmeisterschaften für ein Fußballland wie Deutschland „schwer zu ertragen“. Dennoch halte er Nagelsmann weiter für einen Toptrainer. „Ich finde immer noch, dass er die richtige Person am richtigen Ort ist“, sagte Völler.
Nagelsmann selbst stellte klar, dass er weitermachen möchte. Er stehe bereit, wenn der DFB das wolle. „Wenn der DFB das möchte, dann bereite ich sehr gerne auch die EM vor“, erklärte er. Die Entscheidung liege aber nicht allein bei ihm.
Für Deutschland bleibt nach dem Aus gegen Paraguay eine bittere Bilanz: Viel Ballbesitz, zu wenig Tempo, zu wenig Chancen und am Ende zu wenig Selbstverständnis. Das frühe WM-Aus ist nicht nur eine sportliche Niederlage, sondern ein weiterer Eintrag in einer Serie enttäuschender Turniere.
