Analyse: Algerien zeigt österreichische Probleme auf
Das ausgesprochen kuriose 3:3 gegen Algerien hat nicht nur die Nerven des gesamten Landes strapaziert, sondern leider auch einige Schwächen der Nationalmannschaft bei der WM 2026 aufgezeigt. Wir fassen zusammen, was die Rangnick-Elf im Sechzehntelfinale gegen Spanien unbedingt abstellen muss.
Eine datenbasierte Analyse des abschließenden Gruppenspiels gegen Algerien anhand der statistischen Basisdaten zu erstellen, ist nicht gerade einfach, zumal die letzten 20 Minuten des Spiels einige Werte und auch durchschnittliche Feldpositionen der einzelnen Mannschaftsteile massiv verfälschten.
Alleine die beiden algerischen Innenverteidiger Bensebaini und Mandi, sowie der Sechser Bentaleb kamen am Ende zusammen auf 399 Pässe und natürlich auch eine außergewöhnlich hohe Passgenauigkeit.
Das ist das statistisch auffälligste Resultat aus einem 20-minütigen Ballgeschiebe, bei dem man dennoch stets ein ungutes Gefühl hatte, zumal die Algerier diejenigen waren, die im Ballbesitz waren. Österreich war sozusagen Passagier des Gegners und gerade wenn etwa der eingewechselte Rayan Ait-Nouri am linken Flügel im Ballbesitz kam, hatte man doch immer wieder das ungute Gefühl, dass die Algerier doch noch einmal angreifen würden.
Und so geschah es schließlich in der 93. Minute auch noch, als doch noch ein Ball durchs Zentrum auf den eingerückten Houssem Aouar gespielt wurde, den die Österreicher schlichtweg nicht mehr verfolgten. Dieser wiederum steckte durch auf den überragenden Riyad Mahrez, der Österreich mitten ins Herz traf, ehe Sasa Kalajdzic mit einer seiner zwei Ballberührungen doch noch den späten Ausgleich besorgte.
Völlig offener Zwischenlinienraum
Diese Bälle durchs Zentrum waren allerdings schon ein Problem der österreichischen Nationalmannschaft, als das Spiel noch offen und auch durchaus hitzig gestaltet wurde. Flache, präzise Pässe mit gutem Tempo machten den österreichischen Linien massiv zu schaffen und die Algerier kamen im Zwischenlinienraum immer wieder zu kontrollierten Ballaktionen.
Und sie profitierten in weiterer Folge auch davon, dass sämtliche zentrale oder ins Zentrum pendelnde Spieler ein hohes Maß an technischer Finesse mitbrachten, wodurch sie auch gut aufdrehen und die Bälle weiterverarbeiten konnten. Speziell im linken Defensivhalbraum der Österreicher offenbarte man immer wieder Probleme und es kam nicht von ungefähr, dass alle drei Tore der Algerier aus dieser Zone heraus erzielt wurden.
Konkret ging es dabei um die Schnittstelle zwischen David Alaba und Phillipp Mwene, aber auch im Sechserraum davor war das Verhalten gegen den Ball problematisch. Und diese Facette könnte natürlich auch gegen Spanien zum Problem werden, zumal die technische Qualität der Iberer noch einmal eine Klasse höher ist, als die der unangenehmen Algerier.
Hier wird das Problem sein, dass Spieler wie Pedri oder Merino sich in der Zwischenlinie perfekt zu bewegen wissen und mit Dani Olmo, der nicht zum absoluten Stamm zählt, hätte die Mannschaft von Luis de la Fuente sogar die wohl hochwertigste Aufdrehoption für den Zwischenlinienraum im Zentrum.
Ausgesprochen kuriose PPDA-Werte
Eine andere aufgrund der letzten 20 Minuten kuriose Statistik ist die der Pressingintensität. Beim PPDA-Wert hat eine Mannschaft alles richtig gemacht, wenn der Wert niedrig bleibt. Dies signalisiert, dass ein Team schnellen Zugriff auf gegnerischen Ballbesitz in den offensiven 60% des Spielfeldes bekommt und Bälle schnell zurückerobert. Pauschal kann man sagen, dass jeder Wert unter 10 akzeptabel ist.
Je höher der Wert ist, desto länger konnte der Gegner den Ball zirkulieren lassen, ohne gestellt zu werden. Der kuriose PPDA-Wert der Österreicher in den letzten 15 Minuten plus Nachspielzeit betrug 196. Das ist selbstverständlich ein Wert, den man im Profifußball für gewöhnlich niemals sieht und setzte sich klarerweise daraus zusammen, dass die Österreicher nicht mehr versuchten die Algerier zu attackieren.
Aber auch wenn man die Werte in der restlichen Spielzeit betrachtet, so sieht man, dass die Österreicher massive Zugriffsprobleme auf den Gegner hatten. Einzig in der Anfangsphase war man hier konsequent und kam in der ersten Viertelstunde auf einen Wert von 6,7. Danach sank dieser Wert allerdings recht rasant ab, was auch damit zusammenhängt, dass die ÖFB-Elf aktuell schlichtweg nicht gut ins hohe Gegenpressing kommt.
Neuerliche Sichtbarkeit von Baumgartners Wichtigkeit
Hier ist natürlich der Ausfall von Christoph Baumgartner eine wichtige Facette, aber andererseits fehlte es den Österreichern auch einfach an der simplen, statischen Durchsetzungskraft, wie man es etwa häufig an Romano Schmid erkennen konnte, der sich im Zentrum aufrieb, aber sich körperlich nicht durchsetzen konnte.
Unter anderem deswegen brachte Ralf Rangnick bereits zur Halbzeit Michael Gregoritsch, zumal dieser, wie auch schon gegen Argentinien, tiefer antizipierte als Arnautovic und somit den Zehnerraum etwas mehr unterstützen konnte. Durch sein Abkippen in das offensive Mittelfeld passierte diesmal immerhin auch nicht das, was gegen Argentinien ein Problem war, nämlich dass Wanner stattdessen weiter nach vorne schob, sondern der PSV-Eindhoven-Legionär ließ sich auch weiter abkippen, um das Zentrum etwas kompakter zu machen.
Das wiederum wird gegen Spanien auch dringend notwendig sein, weshalb eine Nominierung von Gregoritsch oder auch Kalajdzic, nicht zuletzt aufgrund seines gesteigerten Selbstvertrauens, die wahrscheinlicheren Varianten für die Stürmerposition als Arnautovic sind. Darüber hinaus muss Österreich aber unbedingt danach trachten, noch wesentlich mehr Physis in genau diesen zentralen Bereich zu bekommen. Romano Schmid im Zentrum wäre hierfür definitiv eine Fehlbesetzung.
Mwene gegen Yamal?
Dass allerdings Konrad Laimer gegen Spanien, wie schon gegen Algerien, über die volle Spieldauer als offensiver Rechtsaußen aufgeboten wird, scheint aktuell ebenfalls unwahrscheinlich. Einer der Gründe dafür ist, dass man wohl in massive Probleme laufen würde, wenn man Phillipp Mwene auf der linken Abwehrseite gegen Spaniens Starspieler Lamine Yamal verteidigen lassen würde. Vielmehr braucht es auch an den Flügeln deutlich mehr Physis und Selbstverständnis gegen den Ball. Laimer wäre gerade gegen Spanien eine logische Option für die Linksverteidigerposition – obwohl man ihn wohl auch im Mittelfeldzentrum auf einer etwas tieferen Position wie einen Bissen Brot brauchen würde.
Während Mwene gegen Algerien immer wieder überfordert wirkte, merkt man auch Stefan Posch auf der rechten Seite schon auch das Handicap seines Kieferbruches an. Die Selbstverständlichkeit, die der Mainz-Legionär in der Qualifikation an den Tag legte, wenn er die komplette rechte Außenbahn beackerte, ist aktuell schlichtweg nicht gegeben.
Weg vom Hierarchiedenken?
Unter anderem auf diesen Positionen sollte Rangnick, um gegen den Ball kompakter zu werden, darüber nachdenken, die eine oder andere hierarchische Überlegung außen vor zu lassen und eher auf formstarke bzw. auch frischere Spieler zu setzen.
Zwar gibt der Kader der Österreicher leider nicht in allen Positionskomplexen so viel her, wie man es sich wünschen würde, aber gegen die Spanier wird es absolut notwendig sein, im Spiel gegen den Ball und schließlich auch im offensiven Umschalten einen klaren Schritt nach vorne zu machen.
Einzig Effizienz positiv
Wenn es eine Statistik gibt, die Österreich vor dem Sechzehntelfinale gegen den hohen Favoriten positiv stimmen kann, dann war es sicher die Effizienz, die man gegen Algerien an den Tag legte.
Alle drei Schüsse, die aufs Tor gingen, waren auch drin. Und die sechs Tore, die Österreich im Laufe der Gruppenphase erzielte, stellen einen sehr guten Schnitt dar, der vor Turnierbeginn vielleicht nicht so zu erwarten war. Die Nadelstiche gegen Spanien konsequent auszuspielen und dies da und dort auch etwas mutiger zu gestalten, wird sicher ein zentraler Punkt sein, um die Chance auf eine Sensation zu haben. Der beschriebenen physischen Aspekte und der durchaus zahlreichen Probleme im Positionsspiel muss man sich allerdings primär und dringend annehmen, wenn es nun an die kurze Matchvorbereitung geht…
