FIFA WM 2026

Wer wird Weltmeister 2026? Stärken und Schwächen der Favoriten

Spanien wirkt spielerisch am gefestigtsten, Frankreich ist vor allem schwer zu schlagen, England sucht unter Tuchel mehr Kontrolle, Brasilien priorisiert unter Ancelotti stärker die defensive Balance und Argentinien auf die Erfahrung des Titelverteidigers. Ein Blick auf die fünf Favoriten – und ihre offenen Fragen.

Bei den letzten großen Turnieren setzten sich nicht immer die Mannschaften mit der höchsten individuellen Qualität durch. Entscheidend war, wie gut die Abläufe im Team funktionierten. Italien bei der EM 2021, Argentinien bei der WM 2022 und Spanien bei der EM 2024 hatten unterschiedliche Spielweisen, aber eine Gemeinsamkeit: Die wichtigsten Rollen waren klar verteilt. Entscheidend waren nicht einzelne taktische Kniffe, sondern die Frage, ob die Mannschaft ihre Abläufe auch unter Druck stabil halten konnte. Daran lassen sich auch die Favoriten der WM 2026 messen.

Wer wird Fußball Weltmeister 2026? Die Quoten liefern dafür nur einen ersten Anhaltspunkt – Spanien, Frankreich, England, Brasilien und Argenitinien sind für die Buchmacher die größten Favoriten. Wichtiger ist, was die Favoriten konkret auf den Platz bringen: Wie kontrollieren sie Spiele? Wie verteidigen sie? Wo entstehen ihre Chancen? Und wo können Gegner ansetzen? Alle fünf haben prinzipiell die Qualität, um Weltmeister zu werden. Wir sehen uns Gemeinsamkeiten und Unterschiede an.

Spanien: Mehr Tempo als früher

Luis de la Fuente hat das spanische Modell nicht neu erfunden, aber deutlich verändert. Die Grundordnung bleibt ein 4-3-3. Rodri ist der zentrale Sechser, Pedri die wichtigste Schaltstelle davor, Fabián Ruiz oder Mikel Merino bringen Läufe und Balance ins Mittelfeld. Auf den Flügeln stehen Lamine Yamal und Nico Williams sehr breit, damit sie in Eins-gegen-eins-Situationen kommen. Im Sturmzentrum hat Mikel Oyarzabal an Bedeutung gewonnen; seine starke Torquote im Nationalteam macht ihn zu einer naheliegenden Lösung.

Der Unterschied zur alten spanischen Schule liegt in der Vertikalität. Spanien hält den Ball nicht mehr nur zur Kontrolle, sondern bereitet damit schnelle Verlagerungen, Dribblings und Läufe in die Tiefe vor. Auch das Pressing ist aggressiver geworden. Mit Pau Cubarsí und Dean Huijsen verfügt Spanien über eine junge, ballsichere Innenverteidigung.

Die offene Frage betrifft die körperliche Verfassung. Yamal, Nico Williams und Merino gingen mit Fitnessproblemen in die letzte Phase vor dem Turnier, Rodri kommt nach längerer Ausfallzeit zurück. Sind die wichtigsten Spieler fit, bringt Spanien das klarste Gesamtpaket mit. Fehlen Rhythmus und Frische, wird aus dem Favoriten ein Team mit offenen Stellen.

Frankreich: Kontrolle ohne viel Ballbesitz

Frankreichs Spielidee unter Didier Deschamps unterscheidet sich von Spanien. Die Mannschaft braucht keinen hohen Ballbesitzwert, um ein Spiel zu kontrollieren. Im 4-2-3-1 verteidigt sie häufig in einem mittelhohen Block, schließt die gefährlichen Räume und nutzt nach Ballgewinn sofort das Tempo in der Offensive.

Das 2:1 gegen Brasilien in Foxborough im März 2026 zeigte dies gut auf. Brasilien hatte mehr Ballbesitz, Frankreich war aber aufgrund der gefährlichen Umschaltmomente besser. Dayot Upamecano sah in diesem Spiel Rot, trotzdem blieb Frankreich in der Lage, das Ergebnis zu verwalten.

Im Zentrum geben Aurélien Tchouaméni, Manu Koné oder Adrien Rabiot Stabilität. Davor können Michael Olise, Ousmane Dembélé und Kylian Mbappé jederzeit Tempo aufnehmen. Mbappé wurde zuletzt auch zentral eingesetzt, während Marcus Thuram und Randal Kolo Muani weitere Optionen bieten. Der Ausfall von Hugo Ekitiké nimmt Frankreich eine zusätzliche Variante.

Eine große Stärke ist die Defensive mit William Saliba und Upamecano. Die größte Frage ist, wie Frankreich gegen Teams reagiert, die technisch stark sind, selbst viel Kontrolle suchen und nach Ballverlust sofort ins Gegenpressing kommen. Gegen solche Gegner entstehen weniger saubere Umschaltmomente, weil der erste Pass nach Ballgewinn sofort unter Druck steht.

England: Tuchels Struktur und die Kane-Frage

Thomas Tuchel hat England seit seinem Amtsantritt eine klarere Identität gegeben. In den ersten acht Pflichtspielen unter ihm lag der durchschnittliche Ballbesitz laut FIFA bei 74,3 Prozent. Das beschreibt die neue Richtung gut: England will Spiele über Positionierung, Kontrolle und saubere Staffelungen gewinnen.

Die Grundordnung ist ein 4-2-3-1, das im Aufbau oft zu einer 3-2-Struktur wird. Ein Außenverteidiger rückt ein, Declan Rice bekommt mehr Freiheit als Box-to-Box-Spieler, Jude Bellingham besetzt die Zehnerrolle. Auf den Flügeln bringen Bukayo Saka, Phil Foden, Anthony Gordon oder Marcus Rashford unterschiedliche Profile ein.

Harry Kane bleibt aber die zentrale Figur. Unter Tuchel wird seine Abkippbewegung besser eingebunden: Wenn Kane sich fallen lässt, besetzen Bellingham oder ein anderer Offensivspieler den freiwerdenden Raum im Strafraum. Die Mannschaft ist aber durchaus abhängig von Kane – das 0:1 gegen Japan im März 2026 zeigte, wie sehr England ohne den Bayern-Legionär an Präsenz und Ordnung im letzten Drittel verlieren kann.

Gegen England spricht vor allem die Verwundbarkeit bei schnellen Gegenangriffen. Das 1:3 gegen Senegal im Juni 2025 zeigte, dass die Mannschaft Probleme bekommt, wenn sie hochsteht, den Ball verliert und der Gegner sofort vertikal wird.

Brasilien: Ancelottis Versuch, Ordnung zu schaffen

Brasilien geht mit Carlo Ancelotti in ein Turnier, in dem nicht mehr nur die offensive Qualität im Mittelpunkt steht. Nach Jahren mit wechselnden Eindrücken versucht Ancelotti, dem Team mehr Stabilität zu geben. Die Grundordnung bewegt sich zwischen 4-2-3-1 und 4-3-3. Casemiro und Bruno Guimarães bilden häufig die Absicherung, Lucas Paquetá kann als Achter nachschieben. Auf den Flügeln bleiben Vinícius Júnior und Raphinha die wichtigsten Angriffsspieler.

Ancelottis wichtigste Veränderung liegt gegen den Ball. Brasilien presst nicht dauerhaft hoch, sondern arbeitet häufiger mit einem mittelhohen Block und klareren Pressingphasen. Das soll die Räume zwischen Mittelfeld und Abwehr kleiner machen und die Mannschaft gegen europäische Topgegner stabiler halten.

Gegen Brasilien spricht die Personallage. Rodrygo, Éder Militão und Estêvão gelten als schmerzhafte Ausfälle beziehungsweise stehen große Fragezeichen hinter ihnen.

Dazu kommt ein strukturelles Thema. Brasilien schied bei vier der letzten fünf Weltmeisterschaften im Viertelfinale aus, meist gegen europäische Gegner mit guter körperlicher Präsenz und starker taktischer Organisation. Ancelotti soll genau dieses Problem lösen.

Argentinien: Titelverteidiger mit Erfahrung und Altersfrage

Argentinien bringt als Titelverteidiger die größte Turniererfahrung mit. Lionel Scaloni hat eine Mannschaft geformt, die zwischen 4-3-3, 4-4-2 mit Diamant und situativen Anpassungen wechseln kann. Im Zentrum überlädt Argentinien gerne die Mitte, sucht kurze Verbindungen und befreit Spieler über das Dritte-Mann-Prinzip aus Drucksituationen.

Die Achse ist weiterhin stark. Emiliano Martínez steht im Tor, Cristian Romero und Nicolás Otamendi bilden die Innenverteidigung. Enzo Fernández, Alexis Mac Allister und Rodrigo De Paul geben dem Mittelfeld Balance, Laufstärke und Pressingresistenz. Vorne verbinden Lautaro Martínez, Julián Álvarez und Lionel Messi Abschlussqualität, Bewegung und Erfahrung.

Die Frage ist, wie lange dieses Gerüst auf höchstem Tempo trägt. Otamendi wird zur WM 38 Jahre alt, Tagliafico 33, De Paul 32. Gegen tief stehende Gegner kann Argentinien noch immer Phasen haben, in denen viel Ballbesitz nicht automatisch zu klaren Chancen führt. Der WM-Auftakt 2022 gegen Saudi-Arabien bleibt dafür das bekannte Beispiel. Die Mannschaft kontrolliert solche Situationen heute besser, aber die Grundfrage bleibt: Was passiert, wenn ein Gegner kompakt steht und nach Ballgewinn sofort in die Tiefe spielt?