Analyse: Wer spielt statt Baumgartner?
Wenn man vor der Weltmeisterschaft österreichische Fans danach gefragt hat, welcher Spieler für das Turnier nicht ausfallen sollte, hörte man zumeist den Namen Christoph Baumgartner. Sein Fehlen reißt ein Loch der Unklarheit ins offensive Mittelfeld der Rangnick-Elf. Der 67-jährige Deutsche hat allerdings zahlreiche Optionen, wie er den Leipzig-Legionär ersetzen kann.
Eine ganz klare „Einserpanier“ wird es vermutlich nicht geben. Vielmehr wird Rangnick die Zehnerposition gegnerabhängig besetzen. Wir gehen die möglichen Optionen für das zentrale Mittelfeld der ÖFB-Elf durch.
Kalajdzic für Physis und Überraschungsmomente
Gerade im bevorstehenden Auftaktspiel gegen Jordanien, in dem Österreich proaktiv auftreten muss und vor allem für physische Vorteile im letzten Drittel sorgen sollte, wäre Sasa Kalajdzic die logischste Variante für die Zehn.
Der 28-Jährige spielte zuletzt beim LASK eine sensationelle Halbsaison und war der beste Spieler der heimischen Bundesliga. Glücklicherweise spielte er bei den Linzern nicht etwa als Mittelstürmer, sondern ebenfalls hinter der Spitze, um seine großen Qualitäten im Behaupten von Bällen, aber auch seine technischen Stärken in einer tieferen Zone besser zur Geltung bringen zu können.
Hinzu kommt, dass der gebürtige Wiener, der weiterhin den Wolverhampton Wanderers gehört, immer wieder für Überraschungsmomente und kreative Aktionen sorgen kann, was gerade gegen eine tief gestaffelte Mannschaft von großem Vorteil sein kann.
Auch die Konstellation als offensivster Akteur im Zentrum neben Solospitze Marko Arnautovic könnte einige Synergien zwischen den beiden Ausnahmespielern mit sich bringen.
Gregoritsch als offensive Rochade-Variante
Eine ähnliche Variante sah man bereits beim 1:0-Testspiel-Sieg über Tunesien: Hier sprang Augsburg-Legionär Michael Gregoritsch auf der Zehnerposition anstelle des gerade erst verletzten Baumgartner ein.
Für den 32-jährigen Routinier war dies eine eher ungewohnte Situation. Allerdings war auch in diesem Fall der Gedanke von Ralf Rangnick klar: Gregoritschs Physis sollte gerade in Gegenpressing-Momenten im letzten Drittel zum körperlichen Trumpf gegen den herausspielenden Gegner werden.
Außerdem ermöglicht eine Aufstellung von Gregoritsch auf der Zehnerposition bessere Tiefenrochaden im letzten Drittel. Das heißt, dass sich etwa Arnautovic situativ ins offensive Mittelfeld zurückfallen lassen kann, um gegnerische Abwehrspieler aus der Kette zu ziehen, während Gregoritsch gleichzeitig in sein natürliches Habitat auf der Neun vorrückt.
Dies könnte gerade gegen tief stehende Gegner zu einem Problem in deren Abstimmung zwischen Abwehrverbund und Sechsern führen. Gegen stärkere Gegner wie etwa Argentinien dürfte dies allerdings kein probates Mittel sein.
Schmid als spielerische Option
Die dritte Option wäre eine spielerische: Werder-Bremen-Legionär Romano Schmid gilt als ausgesprochen polyvalenter Spieler und kam bei den Bremern in der abgelaufenen Saison auf zahlreichen Positionen zum Einsatz, unter anderem an beiden Flügeln, aber auch als zweite Spitze. Hauptsächlich jedoch wurde er im offensiven Mittelfeld aufgeboten, auch weil er als Nadelspieler gilt, der sich gut aus Engen befreien kann und auch gegnerische Defensivüberladungen überwinden kann.
Durch seine feine Technik und seinen niedrigen Schwerpunkt ist er nur schwer vom Ball zu trennen, aber seine Aufstellung im offensiven Mittelfeld hängt auch stark davon ab, wie fit Patrick Wimmer ist und ob sein Einsatz als Rechtsaußen Sinn macht.
Sabitzer dürfte als Linksaußen gesetzt sein und Schmid wäre neben Wimmer der zweite Kandidat für die Position auf der rechten Seite. Könnte Wimmer in die Mannschaft rücken, so wäre es nahezu logisch, dass Schmid stattdessen ins Zentrum rückt, auch um wiederum in der Breite rochieren zu können und gerade im Halbraum immer wieder die Plätze zu tauschen, um die gegnerische Ordnung zu stören.
Wanner und Chukwuemeka: Die defensiven Umschaltvarianten
Die vierte und fünfte Variante betrifft die beiden Teamneulinge: Paul Wanner spielte speziell in jüngeren Jahren hauptsächlich auf einer offensiveren Position und rückte nun bei PSV Eindhoven weiter zurück, spielte teilweise sogar als Sechser im defensiven Mittelfeld.
Ähnliches trifft auf Carney Chukwuemeka zu. Der Dortmund-Legionär ist grundsätzlich auch eine Option fürs offensive Mittelfeld und die Vorteile bei beiden Spielern liegen vor allem in der Spielphase des defensiven Umschaltens. Während Wanner oder Chukwuemeka die Position im offensiven Mittelfeld speziell bei eigenem Ballbesitz einnehmen könnten, wäre es für die Nationalmannschaft leichter in Rückwärtsbewegung in eine klare Sechs-Doppelacht-Staffelung im Mittelfeldzentrum zu kommen und so in defensiven Umschaltmomenten schnell kompakter zu stehen.
Dies wäre vor allem in Spielen wie gegen Algerien ein probates Mittel, in denen man zwar schon das Spiel machen muss, gleichzeitig aber stärker auf die Restverteidigung achten sollte als etwa gegen Jordanien.
Die Gegenpressing-Option
Eine weitere Variante ist getrost als „die Option der Pressingmonster“ zu bezeichnen. Ein verschwimmendes Dreier-Mittelfeld mit Seiwald, Schlager und Laimer wäre speziell im Spiel gegen Argentinien eine hochinteressante Alternative, auch um das starke argentinische Mittelfeldzentrum zu spiegeln.
In diesem Fall würde Stefan Posch jedenfalls auf die Rechtsverteidigerposition von Laimer rücken, während dieser die zentrale Rolle einnimmt, die er früher nahezu immer bekleidete.
Ein weiterer Vorteil an dieser Variante ist, dass Rangnick bei seinen Wechseln flexibler wäre. Laimer könnte später im Spiel wieder auf die Rechtsverteidigerposition rücken und je nach Notwendigkeit könnte man somit anstelle von Posch einen defensiveren oder offensiveren Spieler fürs zentrale Mittelfeld bringen. Allgemein scheint diese Konstellation vor allem gegen den Ball als wahrscheinlich beste für das ÖFB-Team.
Die Außenseiteroptionen
Aufgrund des breiten Kaders hat Rangnick auch noch überraschende Optionen auf den hinteren Kaderpositionen. So könnte etwa Marcel Sabitzer auf die Position rücken, die er auch hauptsächlich in Dortmund inne hat und aus dem zentralen Mittelfeld heraus agieren. In diesem Fall wäre Prass der logische Starter für die Linksaußenposition vor Phillipp Mwene.
Dies wirkt allerdings ebenso unwahrscheinlich wie der Einsatz von Spielern wie Florian Grillitsch als klassischen Sechser, Dejan Ljubicic, der im Box-to-Box-Bereich praktisch auf jeder Position eingesetzt werden kann, oder Alessandro Schöpf, der zwar große Routine mitbringt, im Big Picture jedoch der Spieler mit der geringsten Chance auf Einsätze sein dürfte.
Baumgartners Wichtigkeit und ein kleiner Vorteil
Die enorme Wichtigkeit von Christoph Baumgartner fürs ÖFB-Team sieht man also auch daran, wie viele verschiedene Optionen es gäbe, den Starspieler zu ersetzen. Während die österreichische Mittelfeldanordnung mit einem fitten Baumgartner relativ klar gewesen wäre, gibt es nun zahlreiche Optionen, wie der Ausfall abgefedert werden könnte.
Besonders auffällig ist dabei, dass Rangnick nahezu das gesamte Zentrum sehr adaptiv und auf den Gegner abgestimmt gestalten muss, auch weil kein anderer Spieler im Kader das Gesamtpaket mitbringt, das Baumgartner geliefert hätte.
Einen kleinen Vorteil hat der Ausfall des 26-Jährigen dennoch: Aufgrund der zu erwartenden Personalrochaden wird die Rangnick-Elf für die Gegner schwerer vorhersehbar sein. Die Matchvorbereitung für die drei Gruppengegner könnte dadurch erschwert werden.
Den Argentiniern, von denen erwartet wird, dass sie gegen Österreich Dominanz in Ballbesitz aufbauen werden, wird dies eher egal sein, als Jordanien oder Algerien, für die es in mehreren Spielphasen wichtiger zu wissen wäre, was sie gegen die Rot-Weiß-Roten erwarten wird.
