Kommentar zur Stadionfrage: Die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau
Ein etwaiges neues Nationalstadion soll viele verschiedene Zwecke erfüllen, womöglich auch solche abseits des Fußballs. Doch nicht nur ist fraglich, ob es allen Anforderungen gerecht wird, sondern auch, ob es überhaupt gebaut wird.
Die Frage beschäftigt den ÖFB seit Jahren: Das Fußballnationalteam braucht ein neues Stadion, aber wie soll man diesen Bedarf stillen? Das Ernst-Happel-Stadion ist in die Jahre gekommen und in vielerlei Hinsicht nicht mehr zeitgemäß. Das offensichtlichste Problem ist die Distanz der Zuschauerränge zum Spielfeld, die der Stimmung keineswegs zuträglich ist. Bei der Heim-Europameisterschaft 2008 behalf man sich noch mit zusätzlichen Tribünen. Doch was damals eine naheliegende Lösung war, ist heute für die UEFA unzulässig. Dabei ist die Frage der Zuschauerränge nur eine von vielen.
Die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau
Die Problematik eines Nationalstadions gleicht der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau: Es soll die Wünsche aller Beteiligten erfüllen. Es soll mehr können als bisher, aber möglichst wenig kosten. Wer auch immer in den vergangenen Jahren einen Vorschlag gemacht hat – immer gab es irgendeinen Einwand. Ja, das österreichische Nationalteam sollte ein Stadion für rund 50.000 Menschen haben, das Emotionen nicht erstickt, sondern fördert. Hier prallen aber schon mindestens zwei Herangehensweisen aneinander. Warum sollte man ein Stadion um dutzende Millionen Euro bauen, das nur eine Handvoll Male im Jahr benutzt wird?
Die große Stärke des jetzigen Happel-Stadions ist zugleich sein markanter Schwachpunkt und das blockierende Element bei der Suche nach einer neuen Lösung: Die Vielseitigkeit. Es bedient viele Bedürfnisse, aber zumindest eines davon nur notdürftig – jenes, das in der Öffentlichkeit am sichtbarsten ist: Fußballspiele. Das Ernst-Happel-Stadion ist nicht nur Austragungsort für Spiele des Nationalteams, sondern auch für (Nachwuchs-)Leichtathletikbewerbe; im Sommer finden Konzerte darin statt, manche Magistratsabteilungen der Stadt Wien und Vereine haben dort Büros. Wer also ein neues Stadion für das (Männer-)Nationalteam fordert, muss sich auch mit Interessen abseits des Fußballs auseinandersetzen.
Kürzlich hat sich der Organisator des Tennisturniers in der Wiener Stadthalle, Herwig Straka, eingeschaltet und für ein Stadion mit Mehrzwecknutzung ausgesprochen. Er schlägt, ähnlich wie ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick, vor, die Hülle des Happel-Stadions zu erhalten, das Spielfeld abzusenken und (mehr) Konzerte im Haus stattfinden zu lassen. Andere Verwendungsmöglichkeiten wurden anscheinend nicht genauer erläutert. Straka schätzt die Kosten einer solchen Arena auf mehrere hundert Millionen Euro.
Wien will eine ganzheitliche Lösung
Die Stadt Wien pocht auf eine ganzheitliche Lösung, die eine ausreichende Nutzung vorsieht. Sportstadtrat Peter Hacker möchte, dass ein neues Stadion die gleichen Stückeln spielt wie das alte. Die Stadt Wien werde nicht dutzende Millionen Euro nur für ein paar Spiele in die Hand nehmen, stellt er klar. Der Sozialdemokrat verweist zudem auf den Denkmalschutz. Der Wiener Gemeinderat hat jedenfalls schon 101 Millionen Euro für eine Revitalisierung des Stadions genehmigt, rund die Hälfte davon ist für eine Komplettüberdachung vorgesehen.
Absurde Ideen aus der Provinz
Indes bringen Politiker außerhalb Wiens ihre Bundesländer ins Spiel. Der burgenländische Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil (SPÖ) schlug etwa Parndorf als Standort für ein neues Nationalstadion vor. Der ÖFB selbst griff dies auf und zog auch Niederösterreich in Erwägung. Der damalige steirische Landeshauptmann Christopher Drexler (ÖVP) hatte die Idee, ein Stadion in Premstätten zu errichten. Ob sich die zwei Genannten überhaupt mit der Mehrfachnutzung auseinandergesetzt haben, ist fraglich – ebenso wie die Ernsthaftigkeit der Wortmeldungen. Die Vorschläge erinnern an die Bekräftigungen von Oberwart und Wels, den Song Contest ausrichten zu wollen. Diese wirken wie Marketing-Gags.
Denn in Premstätten wohnen laut Gemeindewebsite mit 1. Jänner 2025 7.192 Menschen; in Parndorf mit 25. Mai 5.375. Und in einem dieser Orte soll ein Stadion mit einem sieben- bis zehnmal so großem Fassungsvermögen stehen? Wenn, dann muss man auch die zugehörige Infrastruktur schaffen: Der Bahnverkehr gehört entsprechend ausgebaut, Möglichkeiten zur Nächtigung geschaffen. Andernfalls wäre es auch für den Klimaschutz ein verheerendes Signal. Mit dem Sparkurs, den die Bundesregierung fährt, dürfte sich aber ohnehin jegliches Provinzprojekt erübrigt haben.
Investition statt Austerität
Folgt man hingegen dem Wirtschaftswissenschafter John Maynard Keynes, sollte die öffentliche Hand in Krisenzeiten investieren, um für einen Aufschwung zu sorgen. Der Bau eines Stadions wäre ein Beispiel dafür. Unter diesem Blickwinkel ist vielleicht auch das sozialdemokratisch-liberal regierte Wien für eine Neulösung in der Bundeshauptstadt zu haben.
Politisch gesehen ist es jedoch unrealistisch, dass ein kompletter Neubau erfolgt. Wahrscheinlicher ist, dass das Happel-Stadion – auch aufgrund des Denkmalschutzes – renoviert werden wird. Gutachten kamen zu dem Ergebnis, dass das Happel-Stadion noch rund 40 Jahre gebrauchstauglich ist. Auch darauf verweist Sportstadtrat Hacker immer wieder.
Die derzeitige Situation lässt jedenfalls eine typisch österreichische Lösung zu: Dass nämlich die nächsten zehn bis 20 Jahre nichts passiert – dann aber, kurz bevor das Stadion sowieso nicht mehr verwendet werden kann, eine umfassende Renovierung erfolgt. Von dieser Absurdität abgesehen: Sollte das Stadion dann genauso viele Zwecke erfüllen wie bisher, ist die Frage nach Sitzplätzen nahe am Spielfeld nicht gelöst. Denn die UEFA verbietet mittlerweile mobile Tribünen, wie sie 2008 im Einsatz waren. „Die Tribünen müssen auf einem tragfähigen Unterbau befestigt sein und dürfen nicht auf einer Röhren-/Gerüststruktur abgestützt sein oder eine solche enthalten. Material, Struktur und Konstruktion der Tribünen müssen eindeutig für eine permanente Nutzung vorgesehen sein“ heißt es im UEFA-Stadioninfrastruktur-Reglement von 2018. Ob diese Regel in ihrer Vollumfänglichkeit sinnvoll ist, sei dahingestellt.
Doch eine Lösung (bis) zum Neubau?
Wenn das Stadion in absehbarer Zeit renoviert wird, werden mobile Zuschauerplätze, egal welcher Art, wohl kein Thema sein. Doch bis das Happel-Stadion am Ende seiner Lebenszeit angekommen ist, kann und muss der ÖFB bei der UEFA darauf hinarbeiten, dass ein neue Spielstätte genehmigt wird. Immerhin gibt es moderne Arenen wie die Gelsenkirchner Mehrzweckarena, in der ein Fußballspielfeld gegen einen Eislaufplatz getauscht und die je nach Bedarf vollständig überdacht werden kann. Ein neues Nationalstadion soll daher – um es in den Worten der UEFA auszudrücken – mobile Tribünen haben, die eindeutig für eine permanente Nutzung vorgesehen sind. Von alleine wird der europäische Verband nämlich nicht auf die Idee kommen, ,mobile Dauerlösungen‘ zu genehmigen.
Moritz Hell, 12termann.at
