Spaniens fünf Sorgen vor Österreich-Duell im Faktencheck
Spanien reist als Gruppensieger zum ersten K.o.-Duell gegen Österreich und ist der ganz große Favorit für den Aufstieg in die nächste Runde. Die Mannschaft von Luis de la Fuente holte in Gruppe H sieben Punkte, blieb ungeschlagen und kassierte kein Gegentor. Trotzdem schrieb ESPN Deportes vor dem Duell mit Österreich von fünf Problemfeldern, die den Weltmeister von 2010 vor dem ersten K.o.-Spiel beschäftigen. Wir haben diese fünf Sorgen geprüft und eingeordnet, welche davon Österreich tatsächlich helfen könnten.
1. Die Flügelkrise: Spaniens größtes Problem
ESPN Deportes sorgt sich vor allem um die Personalsituation auf den Flügeln. Lamine Yamal und Nico Williams waren bei der EURO 2024 einer der Hauptgründe für Spaniens Titel, nun muss De la Fuente auf genau dieser Position improvisieren. Bei Williams wurde nach einem harten Einsteigen eine Muskelverletzung im rechten Adduktorenbereich diagnostiziert, bei Yéremy Pino schlossen radiologische Untersuchungen zwar einen Bruch aus, bestätigten aber eine Schultereckgelenksverletzung. Gegen Österreich werden beide Spieler ausfallen.
Dazu kommt, dass Liverpool-Linksaußen Víctor Muñoz ebenfalls das Österreich-Spiel verpassen wird. Bei Williams wurde ein schnelles Comeback mit einer schmerzstillenden Spritze diskutiert, doch man will von dieser riskanten Option absehen. Williams selbst schrieb auf Instagram von einem der schlimmsten Tage seines Lebens, nachdem er sich nach einem schwierigen Jahr erneut verletzt habe, und kritisierte das Einsteigen von Gegenspieler De la Cruz als völlig unnötig.
Damit bleibt Yamal als einziger echter Flügelspieler von internationalem Topformat übrig, wobei auch er in diesem Turnier noch keine 90 Minuten voll durchgespielt hat.
Die Sorge ist also durchaus berechtigt. Spanien verliert nicht nur individuelle Qualität, sondern auch Balance. Mit Yamal rechts und Williams links konnte De la Fuente das Spielfeld maximal breit machen. Beide konnten ihre Gegenspieler im Eins-gegen-eins binden, Tempo aufnehmen und die gegnerische Abwehr auseinanderziehen. Fehlt Williams, wird Spanien berechenbarer. Österreich kann kompakter zur Yamal-Seite schieben und mehr Absicherung gegen den Weltklassespieler einplanen.
Trotzdem muss man differenzieren. Spaniens Flügelproblem fällt in erster Linie gegen tiefstehende Gegner ins Gewicht. Gegen Österreich könnte sich das Spiel zumindest phasenweise anders entwickeln. Sollte Österreich hoch pressen, entstehen Räume hinter der ersten Linie. Dann braucht Spanien nicht zwingend die Breite um die österreichische Abwehr auseinanderzuziehen, sondern kann mit wenigen vertikalen Pässen hinter die gegnerischen Ketten kommen.
2. Rodri: Viel Kontrolle, wenig Progressivität
Der zweite Punkt im Artikel betrifft Rodri. Dort heißt es sinngemäß, der Ballon-d’Or-Sieger von 2024 sei nicht mehr jener Spieler, der Spanien bei der EURO getragen habe. Die schwere Knieverletzung habe seinen Rhythmus gebrochen, im Umschaltspiel wirke er anfälliger, und am Ball sei er weniger mutig. Als Beleg nennt ESPN eine auffällige Zahl: Rodri spielte bei dieser WM 328 Pässe – mehr als jeder andere Spieler im Turnier –, ohne mit seinen Pässen ähnlich oft Linien zu überspielen wie bei der EURO.
Auch hier hilft es zu differenzieren: Rodri ist sicher nicht plötzlich ein Schwachpunkt der spanischen Nationalmannschaft. Spanien hat in der Gruppenphase kein Gegentor kassiert, und seine Absicherung vor der Abwehr ist weiterhin ein zentraler Grund dafür. Er kontrolliert Spiele, zeigt ein herausragendes Stellungsspiel gegen den Ball und sorgt dafür, dass Spanien nach Ballverlusten die Ordnung behält.
Das Problem ist eher im eigenen Ballbesitz erkennbar, denn nur 11,9 Prozent seiner Pässe waren progressive Zuspiele. Zum Vergleich: Vitinha kam auf 15,9 Prozent, Luka Modrić auf 16,3 Prozent, Granit Xhaka sogar auf 19,6 Prozent. Rodri hat also extrem viel Ballbesitz, sorgt aber vergleichsweise wenig für vertikalen Raumgewinn.
Für Österreich ist das möglicherweise der wichtigste taktische Hebel. Wenn Rodri nach Ballannahme schnell gestresst wird, wird man zwar kaum zu Ballgewinnen kommen, aber man kann verhindern, dass er den Ball in gefährliche Zonen weiterleitet. Rodri geht aktuell nicht viel Risiko ein und man kann ihn mit überschaubarem Aufwand zu seitlichen Zuspielen beziehungsweise Rückpässen zwingen.
Allerdings hängt dieser Plan an Österreichs Pressingqualität, die bei dieser WM bisher nicht an die besten Phasen unter Rangnick herankommt. Pressing und Gegenpressing waren die DNA des österreichischen Nationalteams und ihr klarer Wiedererkennungswert. Davon ist bei der Weltmeisterschaft jedoch noch nicht viel zu sehen, wobei besonders die Passivität gegen Algerien erschreckend war. Spaniens Zentrum wäre jedoch durchaus angreifbar, wenn Österreich geschlossen und präzise presst.
3. Pedri: Der Taktgeber zwischen zwei Rollen
Der dritte Punkt der spanischen Analyse dreht sich um Pedri und seine Rolle im Zentrum. Pedri schaffe es nicht durchgehend, das Spiel zu bestimmen. Der Artikel verweist darauf, dass der Barcelona-Mittelfeldspieler zwar weiterhin wichtige Akzente setzen kann – etwa in der Entstehung des 1:0 gegen Uruguay –, aber es auch Phasen gibt, in denen er zu wenig Einfluss auf das Spielgeschehen nimmt. Zudem wurde er im ersten Gruppenspiel höher eingesetzt, später wieder tiefer neben Rodri, also in jener Rolle, in der er sich bei Barcelona am wohlsten fühlt.
Diese Sorge finden wir ein wenig übertrieben. Pedri ist ein Weltklassespieler und die einzige Frage ist, wie Spanien ihn am besten einbinden kann. In einer tieferen Rolle kann er das Spiel besser ordnen, den Rhythmus diktieren und auch unter Druck Lösungen finden. Wird er höher eingesetzt, verliert Spanien im Aufbau etwas Kontrolle, zumal Rodri wie oben beschrieben aktuell nicht ganz so vertikal agiert. Spielt er tiefer, braucht Spanien davor aber Spieler, die zwischen den Linien Durchschlagskraft erzeugen.
Deshalb ist die Besetzung um Pedri herum so wichtig. Dani Olmo gibt Spanien mehr Bewegung zwischen den Linien, Mikel Merino eher physische Stärke und Läufe in die Tiefe.
Pedri ist und bleibt natürlich ein Schlüsselspieler für die Spanier, der speziell gegen das Pressing der Österreicher mit seinen Aufdrehbewegungen gute Lösungen finden kann. Solche „Probleme“ kann man sich nur wünschen.
4. Wenige Tore: Spaniens Probleme im Abschluss
Der vierte Punkt im spanischen Artikel betrifft Spaniens Chancenverwertung. Spanien kam in der Gruppenphase nur auf fünf Tore, während andere Topteams wie Frankreich deutlich häufiger trafen. Spanien kam in den ersten drei Spielen auf einen Expected-Goals-Wert von 6,58, während sie nur fünf Tore erzielen konnten. Sie liegen beim Verhältnis zwischen Toren und xG mit einem Wert von 0,76 nur auf Rang 38 bei dieser Weltmeisterschaft.
Hier muss man festhalten, dass die Samplegröße mit drei Spielen relativ gering ist und die xG-Werte in diesem kurzen Zeitraum stark variieren können. Das Grundbild ist aber klar belegbar: Spanien erzeugt durchaus viele Chancen, verwertet aber nicht effizient genug. Mit rund 0,09 xG pro Abschluss nimmt Spanien viele Schüsse aus eher mäßigen Positionen. Vergleichsweise kommen Mannschaften in der österreichischen Bundesliga im Schnitt auf einen xG-Wert von 0,12 pro Schuss.
Das erklärt auch, warum das 0:0 gegen Kap Verde in Spanien so kritisch gesehen wurde. Spanien hatte viel Kontrolle, kam zu zahlreichen Abschlüssen, fand aber zu wenig klare Möglichkeiten vor. Der 4:0-Sieg gegen Saudi-Arabien wirkte kurz wie ein Befreiungsschlag, gegen Uruguay tauchte das Problem aber wieder auf: Spanien gewann, traf aber nur nach einem schweren Fehler von Fernando Muslera.
Spanien fehlt, wie so oft in den letzten Jahren, ein Strafraumstürmer, der Innenverteidiger dauerhaft bindet, dominant bei Flanken ist und einen Riecher für die Positionierung im Strafraum hat. Oyarzabal kann spielerisch kombinieren und Räume öffnen, Ferran Torres kann flexibel eingesetzt werden, aber keiner dieser Spieler gibt dem Angriff ansatzweise dieselbe Präsenz wie ein Harry Kane oder Erling Haaland.
Für Österreich ist dieser Punkt nur dann wirklich wertvoll, wenn das Spiel lange offen bleibt. Je länger Spanien nicht trifft, desto ungeduldiger wird der Gegner im Abschluss werden. Dann entstehen mehr Flanken aus ungünstigen Positionen, Schüsse die man blocken kann und aus denen sich vielleicht sogar Umschaltmöglichkeiten entwickeln.
5. Fehlender Rhythmus bei Schlüsselspielern: Vor allem Yamal ist ein Faktor
Der fünfte Punkt betrifft die fehlende Matchfitness wichtiger Spieler. Genannt werden vor allem Lamine Yamal und Mikel Merino. Beide sind zwar wieder einsatzfähig, kamen aber nach Verletzungen nicht im idealen körperlichen Zustand ins Turnier. Bei Yamal schreibt ESPN, er habe gegen Saudi-Arabien bei seinem ersten Startelfeinsatz geglänzt, gegen Uruguay aber in der zweiten Halbzeit deutlich müde gewirkt. Merino wiederum scheint nach seiner längeren Verletzung ebenfalls noch nicht in Top-Form zu agieren.
Bei Yamal ist diese Sorge besonders groß, weil Spaniens Flügelprobleme seine ohnehin immense Bedeutung für das Team noch vergrößern. Er ist der Spieler, der den Unterschied ausmachen kann und im Normalfall mehr als nur einen Gegenspieler bindet. Wenn er im Eins-gegen-eins Tempo aufnehmen darf, muss der Gegner doppeln und dadurch Räume im Zentrum öffnen.
